Weihnachtsgeschichten

 

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Die verschwundene Weihnachtsgeschichte. Eine Geschichte zum Heilig Abend von Werner Schneebeli

24. 12. 2010

Die verschwundene Weihnachtsgeschichte

Die alte Familienbibel

Die Weihnachtsgeschichte heute beginnt an einem Sommermorgen. Ein Plastiksack hängt an der Tür bei meinem Pfarrbüro. Er hat ein ansehnliches Gewicht. Wer macht mir da mitten im Sommer eine so gewichtige Bescherung?

Neugierig wie ich bin, werfe ich einen Blick in den Sack und entdecke ein altes dickes Buch. Ich nehme es aus der Tasche. Wie von Zauberhand gelenkt schlägt sich das Buch auf und eröffnet mir den Blick auf eine Karte und einen zweispaltig geschriebenen Text, nach Kapitel geordnet in alter Schrift. Es kommt mir zugleich ein etwas muffeliger Geruch entgegen.

Lukas: Das 2. Kapitel, kann ich entziffern: Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und die Schatzung war die allererste, und geschah zurzeit, da … Landpfleger in Syrien war.

Klar merkte ich sogleich, dass dies der Beginn der Weihnachtsgeschichte nach Lukas ist, aber wie hiess dieser Landpfleger? Ich konnte diesen Namen nicht entziffern und er viel mir auch aus der Erinnerung nicht ein, dabei hatte ich diesen Bibeltext schon so oft in der Kirche gelesen.

Egal, ich Schlug die alte Bibel ganz vorn auf und las:

Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des alten und neuen Testaments. Neun und vierzigste Auflage. Ein Stempel war leider unleserlich. Basel, gedruckt und zu finden bei der Bibelgesellschaft. 1854.

Schön, eine alte Bibel. Etwas vergriffen und muffelig. Wer wollte mir damit ein Geschenk machen?

Ich blätterte zurück zur Weihnachtsgeschichte und zur Karte, das heisst, wieder schlug die Bibel von sich aus Lukas 2 auf, vermutlich war das der Text, der im langen Leben dieser Bibel am Meisten aufgeschlagen worden war.

Ich nahm die Karte aus der Bibel. Da stand von Hand geschrieben folgender Text:

 

Sehr geehrter Herr Pfarrer

Diese alte Bibel fand ich beim Entrümpeln und Putzen des Estrichs im Haus meines Schwiegersohnes. Sie wird wohl im Estrich nicht schöner und sicher können Sie dieses Buch besser gebrauchen als wir.

Mit lieben Grüssen

Frau Meierhans

 

Der Name Meierhans sagte mir im Augenblick nichts und da sich weder eine Adresse noch eine Telefonnummer auf der Karte fand, nahm ich die Bibel zu mir, ohne mich dafür Bedanken zu können. Erst im darauffolgenden Januar, erfuhr ich, was für eine dramatische Weihnacht diese Bibel im Haus der Tochter von Frau Meierhans auslöste.

Die Tochter von Frau Meierhans hiess jetzt Hofer und in der Familie Hofer gab es seit Generationen ein ungeschriebenes Gesetz. Immer am Heiligabend trifft man sich im alten Haus der Familie und der älteste Hofer holt nach dem Weihnachtsessen die alte Familienbibel aus dem Estrich. Die Kerzen des Weihnachtsbaumes werden entzündet, die Bibel wird aufgeschlagen und Vater Hofer liest die Weihnachtsgeschichte, wie sie Lukas in seinem Evangelium aufgeschrieben hat.

In jenem Sommer aber hütete Frau Meierhans für zwei Wochen die beiden Enkel Lucia und Valentin im Haus der Tochter, damit die Eltern von Lucia und Valentin ihr 10 Jähriges Hochzeitjubiläum feiern konnten. Weil aber Lucia bereits in der 2. Klasse war und Valentin im Kindergarten, blieb der Grossmutter einige Zeit zum Haushalten. So entstaubte und entrümpelte sie in diesen Tagen auch den Estrich und dabei viel ihr die alte vergilbte Bibel in die Hände. Nichts ahnend und mit gutem Willen packte sie diese in einen Sack ein, nahm sie nach Hause und brachte die Bibel schliesslich dem Pfarrer, um sie vor dem endgültigen Zerfall zu retten.

Heiligabend bei Hofer. Die ganze Familie ist beisammen. Die Kinder Lucia und Valentin freuen sich vor allem auf das Auspacken der Geschenke. Philippe und Maria, die Eltern von Lucia und Valentin haben in Stundenlanger Arbeit das Haus geschmückt, Weihnachtsgebäck vorbereitet und ein festliches Essen hingezaubert. Die Grosseltern Hofer und die Grossmutter Meierhans sind auch dabei.

Das festliche Essen hat allen geschmeckt. Man versammelt sich im Wohnzimmer um den Weihnachtsbaum. Während Grossvater Hofer die Bibel im Estrich holt, zünden Philippe und Ralf die Kerzen am Weihnachtsbaum an und bemerken im ersten Augenblick nicht, dass ein völlig entgeisterter Grossvater mit leeren Händen in ihre Mitte tritt.

„Die Bibel ist verschwunden.“ Diese Worte kommen dem Grossvater nur flach und fast tonlos aus dem Mund. „Was ist verschwunden?“ fragt sein Sohn nach. „Unsre Familienbibel“. „Das kann nicht sein“, meint Philippe, „es wird sie wohl kein Bücherwurm aufgefressen haben. Schatz, kannst du meinem Vater helfen. Du weisst ja auch, wo unsre Bibel ist.“

Die Kerzen brennen. Die Geschenke liegen unter dem reichlich geschmückten Baum. Die Familie sitzt noch in freudiger Erwartung um den Baum versammelt. Zwischendurch durchbricht ein unbedeutender Satz die Stille.

Maria und Grossvater kommen vom Estrich, ohne die Bibel. „Mutter“, hast du im Estrich Ordnung gemacht in den Sommerferien“, fragt Maria. Grossmutter Meierhans nickt, ihr schwant schlimmes. „Aber ihr sucht doch nicht etwa diese alte, verstaubte, vergilbte und muffelige Bibel aus dem Estrich?“ Alle Blicke richten sich auf sie und die Blicke sagen alles. Genau diese Bibel wird gesucht. „Ich wollte sie retten vor dem endgültigen Zerfall und hab sie unserem Pfarrer geschenkt. Ich hatte ja keine Ahnung, dass sie noch jemandem etwas bedeutet, geschweige denn, dass aus ihr noch gelesen wird, “ versucht sich Grossmutter Meierhans hilflos zu verteidigen.

Die Hofers bleiben sprachlos. Grossvater muss sich setzen. Weihnachten ist verloren, für immer. „Gibt es nicht eine andere Bibel im Haus“, fragt die Grossmutter, nur um etwas zu sagen weil sie die unangenehme Stille und ihre Schuld nicht länger aushält? Maria schüttelt den Kopf.

„Grossvater“, meldet sich Lucia, während alle Blicke ins leere schweifen, „ Du hast doch diese Geschichte schon so viele Male vorgelesen, kannst du sie nicht einfach erzählen?“ „Ja, erzähl uns eine Geschichte“, doppelt Valentin nach.

Nun richten sich alle Blicke auf den Grossvater. Nur er kann jetzt Weihnachten noch retten.

Maria und Josef

Zögerlich beginnt der Grossvater:

„Einst gab es eine Schatzung im ganzen Römischen Reich.“ „Was ist eine Schatzung“, ruft Valentin?

„Was eine Schatzung ist? Was ist eine Schatzung?“ fragt sich Grossvater selbst. Er blickt seinem Enkel in die Augen und sein Gesicht füllt sich mit Herz. „Du musst wissen, Valentin, dass damals die Römer über die Welt herrschten und zu jener Zeit, als der Weihnachtsstern über einem Stall in Bethlehem aufleuchtete, da herrschte der Kaiser Augustus in Rom. Er war der alleinige Herrscher über so viele Länder und Menschen, dass er den Überblick fast verlor. Er wollte aber wissen, wie viele Menschen ihm Untertan waren und Steuern abliefern mussten. Daher ordnete er an, dass sich in allen Ländern seines Reiches alle Männer in eine Liste eintragen lassen mussten zusammen mit ihren Frauen und Kindern.

Auch Josef, der Zimmermann aus Nazareth musste sich in diese Liste eintragen lassen und zwar nicht in Nazareth, seinem Wohnort, vielmehr in Bethlehem, dem Dorf seiner Grossväter. Dies war ein weiter Weg und von Autos, Bussen oder Eisenbahnen wusste man damals noch nichts. Josef war verlobt mit Maria, und Maria war hoch schwanger. Ihr Kind sollte in den nächsten Tagen auf die Welt kommen. Was ist zu tun. Josef wollte Maria nicht alleine lassen und musste doch nach Bethlehem reisen. Also borgte er sich einen Esel aus vom Nachbarn, der Maria tragen sollte und so reisten die Beiden los nach Bethlehem. Unterwegs fanden sie viele Reisende und als sie endlich müde in Bethlehem ankamen, waren alle Herbergen überfüllt. Ein Bauer von Bethlehem erbarmte sich der schwangeren Maria und zeigte ihnen einen Stall, in dem sie sich gemütlich einrichten konnten.“

„Dazu kenne ich ein Lied!“ ruft Lucia

Lied: Alles, wo mir bruuched

Hirten

„Erzähl weiter Grossvater!“ drängt Valentin und längst hatte die Familie vergessen, dass eigentlich Weihnachten nicht stattfinden konnte, weil die alte Bibel nicht aufzufinden war.

„Nur Geduld“, Valentin, beruhigt ihn Grossvater: „In jener Nacht brachte Maria in diesem Stall ihr erstes Kind zur Welt. Ein Engel sagte den Eltern, dass sie es Jesus nennen sollten und dass dieses Kind der Welt Rettung bringen werde. Beide konnten es kaum fassen, in einem Stall kommt der Erlöser und Heiland zur Welt und sein erstes Bettchen ist eine Futterkrippe. Gottes Wege sind überraschend und unergründlich.

Draussen auf dem Feld hüteten Hirten Schafe. Einige waren schon um das Feuer sitzend etwas eingenickt. Da wurde es plötzlich strahlend Hell um sie herum, als ob eben die Sonne mit ihrem Morgenglanz hinter dem Horizont hervorblicken würde. Es war aber noch Nacht. Das Licht kam von einem Engel und die Hirten erschraken. ‚Fürchtet euch nicht‘, verkündete der Engel, ‚euch ist heute der Heiland geboren, der Retter und Erlöser aller gefangenen, geplagten und gepeinigten Menschen. Geht und schaut ihn euch an. Wenn ihr ein neugeborenes Kind in einem Stall findet, dann wisst ihr, dass ihr den Erlöser gesehen habt. ‘

„Du Grossvater“, im Kindergarten haben wir ein Lied gelernt, in dem es heißt, dass die Hirten schmutzig waren und nach Schaf rochen“, unterbrach Valentin und Lucia meinte: „Das ist ein schönes Lied, ich kenne es vom Kolibri, los, wir singen!“ „Ich glaube, in der Handtasche habe ich noch drei Liederblätter der Kinderweihnacht“,  meldet sich die Mutter.

Lied: Die Letschte als Eerschti

Der Stern

„Die Hirten machten sich auf und fanden alles so, wie der Engel es ihnen verkündet hatte. Sie erzählten Josef und Maria vom Engel und seinen Worten und Maria behielt alles in ihrem Herzen, damit sie es ihrem Kind mit jeder herzenden Umarmung weitergeben konnte.“

Damit beendete Grossvater seine Erzählung. Valentins Blick schweifte nun zu den Geschenken unter dem Christbaum. Lucia aber blickte fragend zu Grossvater: „Und was ist mit dem Stern?“

„Der Stern“, rätselte Grossvater, „die Geschichte vom Weihnachtsstern ist eine andere Geschichte über dasselbe Wunder der Geburt eines neuen Königs in einem Stall. Drei sternkundige weise Männer sollen ihn entdeckt haben und liessen sich von ihm Führen bis zum neugeborenen Kind namens Jesus in einem Stall bei Bethlehem. Diese Geschichte erzähl ich euch am Dreikönigstag.“

„Aber ich will zumindest das Lied vom Stern jetzt auch noch singen“, trotzt Lucia und stimmt gleich selbst ein.

Lied: En helle Schtern

Bei Hubers wurde Weihnachten so lebendig gefeiert, wie noch nie. Der glückliche Umstand, dass die alte Familienbibel verschwunden blieb, hauchte Weihnachten neues Leben ein und diese erste Feier ohne die Familienbibel wird den Hubers bis an ihr Lebensende in Erinnerung bleiben. Eine Geschichte lebt vom Erzählen. Auch wenn man dieselbe Geschichte immer wieder erzählt, sie bleibt lebendig. Und die Wahrheit der Geschichte liegt im Augenblick des  Erzählens.

Gott kommt in Armut und Schwachheit zur Welt, um mit den geschlagenen und leidenden einen Weg zum Leben zu gehen. Gott kommt als Kind zur Welt, um zu zeigen dass auch er Angewiesen ist, auf Fürsorge und Liebe.

Gott kommt in der Nacht zur Welt, weil sein Licht in den dunkeln Ecken unseres Seins sichtbar wird.

Amen

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Geburt im Stall. Eine fast wahre Geschichte zum Heilig Abend von Werner Schneebeli

24. 12. 2007

Geburt im Stall

Im Leben von Martha und Sepp Fischer und  Andreas und Ruth Bürgi gibt es nur eine wirkliche Weihnacht.  Alle früheren und alle späteren Weihnachtstage verblassen im Licht der Erinnerung an diese Weihnachtszeit im Jahr 1996.  Eigentlich war beim jungen Ehepaar Fischer auch damals alles wie üblich fein säuberlich geplant.  Am 24. Dezember feiert man zusammen im kleinsten Kreis Weihnachten mit dem Besuch einer Feier in der Kirche.  Sie müssen nicht denken, dass Fischers besonders kirchliche Leute waren, wie die meisten jungen Paare stand die Kirche nicht zuoberst auf der Prioritätenliste für die Gestaltung des Sonntags. Aber der Heiligabend war eben etwas Besonderes. Gerade für Martha gehörte die Weihnachtsfeier in der Kirche einfach dazu. Am 25. dann, trifft man sich mit den Eltern von Sepp, am 26. mit der Mutter von Martha, am 27. besucht man Fridolin, das Patenkind von Martha, am 28. wird mit einem befreundeten Pärchen gefeiert und am 29. kommen alle Geschwister von Sepp zusammen. Am 30. Bleibt gerade noch Zeit, um sich von all den Treffen zu erholen und den Silvester vorzubereiten.

Nun, im Jahr 1996 kam alles anders als geplant. Martha war schwanger und die beiden erwarteten Mitte Januar ihr erstes Kind. Sie erlebten den Advent im ursprünglichsten Sinn in Erwartung eines Kindes. Sepp musste daher aussergewöhnlich viel mithelfen bei den Vorbereitungen auf die Weihnachtstage. Einkaufen, „Guezli“ backen und mit Dekorationen der Wohnung einen weihnächtlichen Charme verleihen, das alles waren nicht Sepps Lieblingsbeschäftigungen, aber  im Laufe der Adventstage, entwickelte er eine zunehmende Freude an Engeln bis es selbst Martha etwas zuviel wurde, als er den 57. Engel auf dem Büchergestell positionierte mit den Worten: Nun haben wir wirklich ein himmlisches Heer.

Um Martha noch etwas Ruhe zu ermöglichen, planten die zwei mit Erlaubnis des Arztes noch einige Tage Entspannung im Prättigau nahe bei Klosters. Sepps Eltern hatten dort ein Ferienhaus.  In den Bündner Alpen viel in diesem Dezember unüblich viel Schnee und es schneite fast die ganzen drei Tage, die Martha und Sepp im Ferienhaus verbrachten. Das störte die beiden aber keineswegs. Im Chalet war es gemütlich und warm. Die Gemeindearbeiter hatten Tag und Nacht zu tun, um die Strassen von den Schneemengen zu befreien. Und damit fing die besondere Weihnacht für Martha und Sepp an. Am frühen Nachmittag des 23. Dezembers traten die beiden die Rückfahrt an, nachdem die Strassen von den Schneemengen gesäubert worden waren, so gut dies bei dieser Witterung möglich war. Die Nachrichten berichteten von einem Kettenobligatorium, was Sepp nicht weiter beunruhigte, da er die Ketten bereits bei der Ankunft im Ferienhaus montiert hatte. Guten Mutes machten sie sich also auf den Heimweg. Die Sicht war schlecht und im Schneegestöber kamen sie nur langsam voran. Plötzlich nach einer Linkskurve bäumte sich vor ihnen eine weisse Wand auf. Sepp ging auf die Bremsen und schlitterte in den Schneeberg, der vor ihnen lag. Eine gewaltige Lawine hatte die Strasse überschüttet. An ein Durchkommen war nicht zu denken. Und als ob das Schicksal mit ihnen ein Spiel spielen wollte, sprach der Nachrichtensprecher gerade in diese erschreckte Stille nach dem Unfall hinein: „Die Strasse zwischen Landquart und Klosters bleibt vorübergehend wegen Lawinenniedergängen bis auf weiteres für jeglichen Verkehr geschlossen. Verkehrsteilnehmer, die zurzeit noch unterwegs sind, sollen im nächstliegenden Dorf Schutz und Unterkunft suchen.“  Martha und Sepp blickten einander mit grossen Augen an, der Schock lag ihnen noch in den Knochen. Martha fand als erste wieder zur Sprache: „Gut, wir sind gesund, unser Kind auch“, bei diesen Worten strich sie sich mit beiden Händen über den Bauch. „Der Motor läuft noch und das Heer der Engel muss eben zuhause ohne uns den Heilig Abend feiern. Kehren wir um.“ Sepp versuchte nun vergeblich aus der Schneemasse herauszukommen. Aber das Auto sass fest. „Engel können doch fliegen, was nützt es, wenn sie zuhause warten. Sie sollen kommen und schieben alle 57. Zu was sind sie den sonst Nütze, diese Engel.“ Martha musste lachen und im selben Moment wurde sie feuerrot und sprang so schnell das mit ihrem Bauch möglich war aus dem Auto. Ein nasser Fleck auf dem Sitz blieb zurück. Das kleine Lachen hatte die Fruchtblase zum Platzen gebracht. Auch Sepp stieg nichts ahnend aus und kratzte sich am Kopf. Er blickte auf die zur Hälft im Schnee steckende Kühlerhaube und machte sich Gedanken, wie er in dieser Situation das Auto befreien könnte. „Die Fruchtblase ist geplatzt.“ Sagte Martha. „Was?“ gab Sepp, der immer noch nicht begriff, zur Antwort? „Die Fruchtblase, wegen dem Lachen“, wiederholte Martha und zeigte auf ihre vom Fruchtwasser dunkel gefärbten Jeans. Sepp verlor alle Farbe aus dem Gesicht: „Jetzt haben wir ein ernstes Problem. Ich denke bei diesen Temperaturen solltest du dich zuerst trocken anziehen und ich versuche den Notruf zu erreichen.“ Das Umziehen im Schneegestöber gestaltete sich nicht gerade einfach und Sepp konnte mit dem Mobiltelefon keine Verbindung aufnehmen, auch einige Kurven vom Auto entfernt. Immer weiter watete er durch den bereits wieder einige Zentimeter dicken Schnee auf der Strasse zurück, um eine Stelle zu suchen, wo sein Handy Empfang hatte. Nach vielen vergeblichen Versuchen trifft er auf eine weitere Wand. In der Zwischenzeit musste eine zweite Lawine hinter ihnen die Strasse verschüttet haben verunmöglichte damit auch den Rückweg. Wieder zurück im Auto - Martha war bereits trocken angezogen und liess den Motor laufen, um etwas Wärme zu erzeugen. - begann es bereits einzudunkeln. Eine Nacht im Schneegestöber und im Auto schien unvermeintlich vor ihnen zu liegen und was, wenn die Wehen einsetzen würden? Und da hörten sie vertraute Klänge. Nicht im Radio, vielmehr irgendwo da draussen erklang die Melodie von „Macht hoch die Tür die Tor macht weit, es kommt der Herr der Herrlichkeit.“ „Die Engel“, sagt Martha, „deine 57 Engel.“

Wieder stieg Sepp aus dem Auto und versuchte im düsteren Schneegestöber den Ursprung der Melodie zu orten. Er kämpfte sich durch den Schneewall am Strassenrand und erblickte unten im Tal ein schwaches Licht. „Da sind Menschen“, sagte er zu sich und weil er Martha nicht alleine lassen wollte, schnallten sich beide die Schneeschuhe an und machten sich langsam durch den tiefen frischen Schnee auf den Weg ins Tal hinunter dem Licht entgegen.

Zur selben Zeit sass der Bauer Andreas Bürgi im kleinen zum wohnen ausgebauten Teil seines Winterstalles. Er hielt sein "Schwiizerörgeli" in der Hand und war gerade dabei einige Weihnachtslieder einzuüben, bei denen er von seiner 9 jährigen Tochter, Ruth, mit der Flöte begleitet werden sollte. Er wusste zurzeit noch nicht, ob sie in diesem Jahr Zuhause Weihnachten feiern konnten. Durch den aussergewöhnlich starken Schneefall, sass er mit seiner Tochter im Stall fest. Ruth wollte daher den kleinen, durch eine Petrollampe spärlich erhellten Raum, etwas weihnächtlich schmücken. Sie wusste von einer alten Krippe in einer Kammer mit unendlich vielen Gegenständen, die sich über die Jahrzehnte hier angesammelt hatten. Fast alles konnte sie finden. Den Stall, eine Krippe, Maria, Josef, Hirten, Schafe, einen Esel, ein Rind alles kunstvoll aus Holz geschnitzt. Nur das Jesuskind blieb verschwunden. „Hör auf zu suchen“, rief der Vater, „nimm deine Flöte und komm. In diesem Durcheinander wirst du diesen kleinen Jesus kaum finden. Wir üben noch ein Weihnachtslied.“ „Ohne das Jesuskind kann es nicht Weihnachten werden“, gab Ruth zurück immer noch auf der Suche nach dem Jesuskind. „Wir werden schon einen Jesus für deine Krippe finden, komm jetzt.“ Ruth war sich gewohnt zu gehorchen, aber das fehlende Jesuskind liess ihr innerlich keine Ruhe und leise betete sie zu Gott: „Lieber Gott, lass mich doch deinen Sohn Jesus finden, wer sucht der findet, steht doch irgendwo in der Bibel. Ich will nicht ohne das Jesuskind Weihnachten feiern.“ Aber das Jesuskind kam nicht zum Vorschein und etwas enttäuscht zwängte sich Ruth an all den alten Dingen vorbei, hinaus aus der Gerümpelkammer, nahm die Flöte und gesellte sich zu ihrem Vater. Der sah ihren traurigen Blick und nahm sie kurzerhand auf seine Knie. „Was wünschst du dir zu Weihnachten“, fragt er sie. „Das Jesuskind“, gibt Ruth ihrem Vater zur Antwort. „Gut, ich werde dir vom Jesuskind erzählen, morgen, am Heiligabend. Und das Jesuskind freut sich sicher, wenn wir ihm zum Geburtstag ein Lied spielen.“ „Gehen Gebete immer in Erfüllung?“ fragte Ruth ohne auf seine Zusage zu hören. „Ja, “ gab ihr Vater nach einer kurzen Gedankenpause zur Antwort, „aber die Erfüllung sieht nicht immer so aus, wie wir sie uns vorgestellt haben.“

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Vater und Tochter schauten sich erstaunt an, wer konnte das nur sein? Sie waren ja zurzeit von der Umwelt völlig abgeschnitten. Herr Bürgi legte seine Handorgel zur Seite ging zur Tür und öffnete sie. Draussen standen zwei verschneite Gestalten, Martha und Sepp Fischer. „Guten Abend, können sie uns Unterschlupf geben, wir sind auf der Heimfahrt steckengeblieben und können weder weiter noch zurück fahren, sie sind unsre einzige Hoffnung.“ „Ja, ja“, brummte Herr Bürgi etwas verärgert, „und in der Herberge konnten sie keinen Platz mehr finden. Fehlt nur noch, dass ihre Frau ein Kind erwartet und ...“ „Das tut sie“, unterbrach ihn Sepp, „sie werden es nicht glauben, die Fruchtblase ist bereits geplatzt.“ „Jetzt machen sie keine Witze und kommen sie in unser bescheidenes Zuhause, das Feuer im Ofen ist nicht für das ganze Prättigau bestimmt.“ „Das ist kein Witz“, gab ihm Martha beim hereinkommen zu verstehen. Sie öffnete den Mantel und strich sich mit der rechten Hand über den Bauch. „Da ist ja das Jesuskind!“ rief Ruth die bisher von den Neuankömmlingen nicht bemerkt worden war und, als alle Blicke der Erwachsenen etwas entgeistert auf ihr ruhten wurden ihre Backen feuerrot. Herr Bürgi bat die zwei sich zu setzten und Ruth servierte ihnen etwas Brot, Käse und Tee. Die Situation war ernst. Die vier waren von der Umwelt abgeschnitten und niemand konnte genau wissen, für wie lange. Herr Bürgi konnte ein Lager mit Stroh für das junge Ehepaar einrichten und Nahrung gab es genug im Stall, aber Geburtshelfer war er nicht, obwohl er schon mancher Kuh beim Kalbern geholfen hatte. Nun, irgendwie musste das alles gehen. In der kommenden Nacht blieb alles ruhig. Es schneite und schneite, an ein Durchkommen ins nächste Dorf war auch am kommenden Tag nicht zu denken. Die Nachrichten berichteten immer wieder von Lawinenniedergängen und der Sperrung von Strassen und Zugslinien. Am Heiligabend spielte Herr Bürgi auf seiner Handorgel und Ruth begleitete ihn mit der Flöte. Sepp, der als Kind in der Tamburingruppe war, schlug auf einer Holzkiste den Takt an und Martha konnte eigentlich gut singen, nur fehlte ihr da und dort die Luft, weil das Kind schon fest auf die Lunge drückte. Herr Bürgi erzählte die Geschichte von Maria und Josef, wie sie nach Bethlehem zogen und wie sie dort ihren ersten Sohn in einem Stall zur Welt brachten. Er erzählte von den Hirten, die mitten in der Nacht von Engeln die frohe Kunde erhielten, dass dieses Kind, im Stall geboren, der ersehnte Retter und Friedensbringer sei. Er erzählte von den weisen und vornehmen Sterndeutern, die den neuen König nicht in den Palästen und Zentren der damaligen Welt finden konnten, vielmehr am Rand, in der Einfachheit, in einem Unterschlupf für Tiere.

Und in dieser Nacht brachte Martha ihr Kind zur Welt. Andrea, soll sie heissen. Ruth half ihrem Vater so gut es ging mit Handreichungen und Sepp war trotz Geburtsvorbereitungsbuch total überfordert. Aber er konnte Martha die Hand halten und das war viel wert. Alles verlief ohne Komplikationen und am Weihnachtstag strampelte die kleine Andrea in Handtücher gewickelt in ihrem Strohbettchen, umgeben von glücklichen Eltern und einem stolzen Geburtshelfer und bewundert von Ruth, welche die kleine immer wieder halten durfte und sie der Mutter brachte, wenn sie gestillt werden wollte. Und als Ruth die kleine Andrea in ihren Armen hielt und ihre ersten unbeholfenen Versuche, in dieser Welt zu Recht zu kommen, beobachten konnte, da begriff sie auf einmal, weshalb Gott an Weihnachten als kleines Kind in die Welt kam, angewiesen auf Fürsorge, Schutz und Liebe.

Erst am 27. Dezember war die Strasse von den Schneemassen befreit und ein Sanitätsteam brachte Martha und ihr Kind ins Spital.

Jetzt erst erinnerte sich die kleine Ruth an ihre Krippe. Das Jesuskind fehlte immer noch, aber dennoch war Ruth voll und ganz glücklich. Sie wandte sich ihrem Vater zu mit den Worten: „Du hast recht, Gott, erfüllt unsre Bitten, aber meist ganz anders als wir es erwarten, nämlich viel, viel besser.“

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"Vom Heimweg der drei Weisen" oder "Damit nicht alles beim Alten bleibt", nachweihnächtliche Geschichte von Werner Schneebeli und Andreas Schäfer

01. 01. 2007

Damit nicht alles beim Alten bleibt

Vieles hatten sie erwartet und vieles schon gesehen, diese drei Weisen. Aber die Geburt eines Königs, von den Sternen angekündigt, in einem Stall.

Dieses Kind in der Futterkrippe in ärmlichsten Verhältnissen wird diese Welt verändern. Es wird Gott sichtbar und fassbar in die Herzen der Menschen tragen. Einen leidenschaftlich liebenden Gott. Es wird leiden und eine Dornenkrone tragen.

In Gedanken versunken machen sich die drei Weisen auf den Weg. Sie umgehen Jerusalem. Wie ihnen Gott im Traum mitgeteilt hat, werden sie dem König Herodes nicht Bericht erstatten, von den Ereignissen in diesem Stall in Bethlehem.

Die gemeinsame Erfahrung verbindet die drei Weisen. Ohne dass sie Reden, Verhandeln oder Einsichten austauschen. Jeder Weise ist auf seine eigene Art in Gedanken versunken und Bewegt von der unglaublichen Erfahrung der Geburt Gottes in einem Kind.

Nach zwei Tagen trennen sich ihre Wege. Sie wünschen sich Gottes Segen und jeder wendet sich seiner Heimat zu.

Kaspar stammt aus einer wohlhabenden Familie. Er hat einige Dienerinnen und Diener bei sich. Eigentlich muss er sich um nichts weiter kümmern, als um seine Studien der Geheimnisse dieser Welt. Das Essen wird ihm zubereitet. Das Nachtlager wird für ihn eingerichtet. Knechte kümmern sich um die Kamele und Pferde. Frisch gewaschene Kleider liegen jeden Tag bereit.

Bisher hat Kaspar sich keine Gedanken darüber gemacht. Alles war immer da und das versteht sich doch von selbst. Das Schicksal hat ihn auserwählt, sich den Studien zu widmen und Wissen zu sammeln.

Seit er aber vor diesem Kind in der Futterkrippe auf die Knie gegangen ist, scheint ihm nichts mehr selbstverständlich zu sein.

So kommt es, dass er an einem Abend seine ganze Dienerschaft zusammenruft und sich bei jedem einzelnen bedankt. Selbst den Kamelen und Pferden sagt er danke. Alle sollen für ihre Arbeit Dankbarkeit, Anerkennung und einen gerechten Lohn erhalten.

Am andern Morgen fragt er die Köchin, ob er eine Woche als ihr Knecht mithelfen dürfe, die Speisen zuzubereiten. Nach einigem Zögern sagt sie zu und in den folgenden Wochen lernt Kaspar, wie das Leben der einfachen Leute aussieht und welche immense Arbeit hinter allem steckt, was ihm bisher selbstverständlich erschien. In allen Bereichen seiner Dienerschaft arbeitete er eine gewisse Zeit als Knecht mit. Er lernt mehr über das Leben, als in all den Jahren seiner Studien zuvor.

Und er bedankt sich nicht nur bei den Menschen, er dankt auch Gott:

Gütiger Gott

Wie herrlich ist dein Name in allen Ländern der Welt.

Deine Grösse wird am Himmelszelt sichtbar. Aus dem Geschrei der Säuglinge bereitest du dir ein Lob.

Lied: Halleluja

Wenn ich zum Himmel aufblicke, sehe ich das Werk deiner Hände, die Sonne, den Mond und die Sterne, die du geschaffen hast.

Lied: Halleluja

Und als ich das neugeborene Kind in der Futterkrippe sah, sah ich dich, den Schöpfer aller Dinge in diesem hilflosen Kind.

Lied: Halleluja

Was ist der Mensch, dass du dich seiner annimmst? Du hast uns nach deinem Bild geschaffen. Du hast uns mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt.

Lied: Halleluja

Du hast uns Verantwortung gegeben, das Werk deiner Hände mitzupflegen. Nicht nur für die Schafe und Rinder, auch für die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer.

Lied: Halleluja

Wunderbar sind all deine Werke. Spuren deiner Liebe findet sich in allem Leben.

Lied: Halleluja

Danke, Gott, für das Werk deiner Hände, zu dem auch ich gehöre. Denn auch mich hast du geschaffen. Kunstvoll gewirkt in Erdentiefen.

Lied: Halleluja

Du hast mich gewoben im Leib meiner Mutter. Aus gutem Stoff hast du den Menschen gemacht. Danke, Gott, Wunderbar sind deine Werke.

Lied: Halleluja

Diese neue Sicht des Himmels, der Erde und des Lebens hat Kaspar mit nach Hause genommen. Nichts war fortan für ihn selbstverständlich. Und das wahre Geheimnis des Lebens entdeckte er immer mehr in der liebevollen Hingabe vieler Menschen an das Leben.

Diese neue Einsicht veränderte auch seinen Umgang mit den Menschen, die Gott ihm anvertraut hat.

An der Krippe lernte Kaspar Dankbarkeit und Gott im Lied und Gebet zu loben.

Das war nicht eine der vielen Reisen, die Melchior schon unternommen hat.

Nein, diesmal  war es anders. Schon auf der Rückreise hat Melchior ganz im Stillen während der  Wanderung immer nachdenken müssen.

Jetzt ist er wieder zu Hause. Was ist geblieben?

Wenn einer eine Reise macht, dann kann er was erzählen.

Ihm kommt es seltsam vor. So richtig viel kann er gar nicht erzählen.

Von einem jungen Paar, von der Geburt, dem Kind, das sie Jesus nennen und von den besonderen Momenten. Ein eigenartiger Glanz füllte die Zeit und jetzt auch seine Erinnerung.

Melchior will nicht einfach plaudern... über Jesus, über den Stall und die Hirten, das besondere Licht und den Stern..... Nein, das ist nicht sein Ding.

Und doch, wenn er ganz ehrlich ist, dann lässt es ihn nicht mehr los.

Nur ein, zwei Tage, die sein ganzes Leben verändert haben:

Wenn Gott den Menschen so nah sein will, dann ist das Leben nicht mehr ganz so ...so grau in grau.

Die Zeit in Bethlehem hat mich verändert, denkt er zwischendurch. Obwohl die Reise nach Bethlehem schon fast wieder vergessen ist. Es passiert ihm einfach so im Alltag: plötzlich steht ihm alles wieder vor Augen. Dieser Moment im Stall von Bethlehem, hinter dem Hotel. Keine grosse Aktion und doch etwas Besonderes.

Melchior ist nicht der grosse Sänger, aber eine Melodie der Hoffnung singt er immer wieder. Sie ist ihm zugefallen, wie von innen heraufgestiegen. Die Noten sind einfach. Aber sie tragen ihn:

 

Viel hoffnungsvoller, mit mehr Vertrauen sieht Melchior auf sich und sein Leben,

auf die anderen Menschen, ja auf die ganze Zukunft.

Obwohl alles noch beim Alten ist, seine Arbeit, seine Kollegen und all die Themen.

Wenn er sich erinnert, dann bleibt ihm das einprägsame Bild von Bethlehem vor sich:  wieviel Glauben und Vertrauen die beiden Eltern doch hatten! Dass Menschen so vertrauensvoll werden können! Wie Maria und Joseph ganz schüchtern - und doch so überzeugt- von Gott sprachen und dann von ihrem Kind, das einmal der Retter werden sollte!

Melchior weiss und glaubt: Es ist nicht hoffnungslos, es lohnt sich. Gott hat die Menschen nicht aufgegeben, eigenwillig wie sie sind.

Gott hat die Menschen nicht aufgegeben, selbst in der tiefsten Tiefe nicht.

Melchior ist nicht mehr gleich. Wer glaubt und vertraut, setzt Zeichen.

Melchior, erzähl uns von deiner Reise nach Bethlehem!, so sagen die Nachbarn.

Du bist so verändert, seitdem du zurück bist. Was ist passiert?

Und Melchior? Wieder geht es ihm so. Er kann es fast nicht in Worte fassen.

Die Erfahrung von Bethlehem  ist in ihm und bei ihm. Vielleicht ist es einfach das Vertrauen, das er gelernt hat. Er sieht sein Leben vielmehr als Geschenk und er hat eines begriffen:

Hoffnung fängt klein an, sie sieht in kleinen Anfängen auch Grosses werden.

Wir können dich Kind

In der Krippe nicht fassen,

Wir können die Botschaft nur

wahr sein lassen.“ (Albrecht Goes)

So gehen wir zaghaft, und doch mit Hoffnung –ins 2007

Ohne alles zu wissen, und doch mit Vertrauen

Mutig, und doch nicht übermütig ins neue Jahr.

Nun bleibt uns noch zu erzählen, was den weisen Balthasar auf seiner Heimreise bewegt und was er durch die Erfahrung an der Krippe in Bewegung bringt.

Balthasar war ein Sommerkind. Seine Lieblingsblume ist die Sonnenblume. Bisher hat er die Weisheit Gottes in allem Gelungenen gesehen. In den Wundern der Schöpfung. Er freute sich an grandiosen Kunstwerken und architektonisch durchdachten Bauten. Und nun hat  ihm Gott an der Krippe in einem einfachen Stall, ohne Glanz und Glimmer, eine andere Seite der Weisheit Gottes vor Augen geführt.

Denn es gibt in dieser Welt viel verletztes, viel zerbrochenes, viel krankes und viel durch schwere Lasten gebeugtes.

Balthasar beginnt Dinge wahrzunehmen, die er vor der Begegnung mit Gott an der Krippe nicht sehen konnte, obwohl schon damals alles vor seinen Augen lag.

Auf seinem Ritt in seine Heimat muss er viele unbekannte und fremde Gebiete durchqueren. In einem der Länder sieht der Weise einen abgeholzten Wald. Die Bäume mussten für Brennholz ihr Leben lassen. Die Erde ausgetrocknet und mit Furchen versehen ist der Verwüstung hilflos ausgesetzt.

Bei diesem trostlosen Anblick beginnt Balthasar zu singen:

Herr, erbarm dich unser.

260. Kyrie eleison 1

Drei Tagesritte weiter, in einem noch unversehrten Wald, gräbt Balthasar Schösslinge aus, reitet zurück und setzt sie in den verwundeten Boden. „Wenn diese Setzlinge vielleicht auch nur ganz wenig ausrichten können, so setze ich doch ein Zeichen der Hoffnung“, sagt sich der Weise und reitet weiter, seiner Heimat entgegen.

Beim Ritt durch ein schönes Land mit fruchtbarer Erde, entdeckt er ein grosses Feld mit vielen Grabsteinen. Hier muss vor kurzem eine Schlacht stattgefunden haben. Im nächsten Dorf erfährt er von dem Krieg, der seit Menschen Gedenken in dieser Gegend herrscht. Zwei verfeindete Völker finden keine Ruhe. Ein Vergeltungsfeldzug folgt auf den andern. Und nicht nur unter den Soldaten gibt es Opfer. Bauernhöfe werden verwüstet, ja ganze Dörfer geplündert. Frauen geschändet und Kinder verschleppt.

Und wieder beginnt Balthasar zu singen: Herr, erbarm dich unser.

Lied: Kyrie

Der Weise beschliesst sich zwischen die Fronten zu wagen. Er führt den Verantwortlichen die Not der Menschen in ihren Ländern vor Augen und entdeckt, dass auch diese samt den Soldaten müde sind, von dem ständigen Krieg. Gemeinsam sitzen sie an einem Tisch und suchen Wege, um einander zu Vergeben und Frieden zu finden. Es braucht einige Jahre, bis erste Schritte zum Frieden sichtbar werden und erst nach dieser Zeit sattelt Balthasar sein Pferd, um sich wieder auf den Weg nach Hause zu machen.

Nach einigen Wochen gemütlichen Reisens, trifft er in einem kleinen Dorf auf einen Zug von weinenden Menschen. An der Spitze des Zuges tragen acht Männer zwei Särge. Eine Krankheit herrscht im Dorf, die nun schon 40 Menschen das Leben gekosten hat. Heute tragen die Leute einen Vater zu Grabe, der seine Frau mit fünf noch kleinen Kindern zurücklässt und ein 12 Jähriges Mädchen, das doch noch ein ganzes Leben vor sich gehabt hätte.

Balthasar singt: Herr, erbarm dich unser.

Lied: Kyrie

Der Weise weiss einiges über Krankheiten und wie sie sich ausbreiten. Er bleibt für mehrere Monate im Dorf und er wischt manche Tränen ab, auch eigene, nachdem er mit den Trauernden geweint hat. Er hilft der Witwe sich neu zurechtzufinden. Er forscht nach den Gründen für die Krankheit und lehrt die Witwe einiges über Kräuter und Pflanzen und ihre heilenden Kräfte.

Ich weiss nicht, ob Balthasar je wieder Zuhause angekommen ist. Er hat sein Zuhause gefunden, dort, wo das Leben durch Lasten gebeugt ist. Manche Last kann er mit Hilfe seiner Weisheit erleichtern. Aber das Helfen ist nicht sein erstes Ziel. Seit dieser Erfahrung im Stall bei Bethlehem begegnet ihm gerade im geringen Menschen Gott selbst. Wie damals bei der Futterkrippe. Und dieses Kind, das dort in der Krippe lag, soll später einmal gesagt haben: Seht, was ihr einem dieser Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan, und was ihr mir getan habt, das habt ihr Gott getan.

Herr, erbarm dich unser.

Lied: Kyrie

Ideenbörse, Weihnachtsgeschichten, Werni Schneebeli

"Nur en Traum?" Weihnachtsgeschichte von Werner Schneebeli in Mundart

24. 12. 2006

Nur en Traum?

Nöd umesuscht händ d’Ängel die Wiehnachtsbotschaft z’erscht de Hirte uf em Fäld pracht. S’Evangelium isch im Grund gno e frohi Botschtfat für die Arme i dere Wält. Für die, wo eigentlich nüüt z’prichte händ und die wo im Normalfall kei gueti Pricht überchömed.

Eine vo dene Hirte, wo damals i dere Heilige Nacht uf em Fäld debii gsii isch,  häd Samuel gheisse, mer häd em aber eifach Sämi gseit. Und de Sämi häd nödemal under de Hirte öppis z’säge gha. Erschtens isch er no jung gsii, ja eigentlich no en Bueb. Zweitens isch er en totale Träumer gsii und häd so en guete Schlaf gha, das en nödemal s’Brülle vomene Leu häd chöne wecke. Drum häd er scho mängi Schelte müesse über siich erga la. Am Sämi häd das alles nöd so vill usgmacht. Er häd nämlich sini Arbet so iigrichtet, das em gnueg Ziit blibe isch, zum i d’Wält vo de Träum z’flüchte. Über d’Nacht häd er d’Schaf amene sichere Ort ines eifachs Gheg ta und dän isch er eifach bim Igang anegläge, häd sin Chopf is Chüssi taucht, es Chüssi, wo er immer debii gha häd, und bald scho isch er i de Wält vo de Träum verwachet. Und deet isch er nöd öppe en eifache Hirt gsii. Deet isch er de Held vo sim Volk gsii, wo gäge die gröschte und stärchschte Finde kämpft häd und langsam häd er siich de Wäg vom Bueb zum König gebnet, wie vor langer Ziit de König David, wo ja au en eifache Hirt gsii isch.

Am Morge het de Sämi bis am 10ni gschlafe, wän da nöd das vorwitzige Schaf gsii wär, s’Windi. Das isch grad s’Gägeteil vom Sämi gsii. Undernämensluschtig und ohni Rascht und Rueh häds am  Windi nie gnueg früe chöne sii, das mer us dem änge Gheg use häd chöne ga, zum über Stock und Stei z’gumpe und neui Weideplätz z’erkunde. Also häd s’Windi meischtens scho bi de erschte Azeiche vo Dämmerig de Sämi gweckt. Nöd öppe sanft. Nei, es häd en gstosse, gschupst, isch mit de Pfötli uf em Buch vom Sämi umetramplet, häd am Umhang zoge und wänn alles nüüt gnützt häd, häd’s em is Ohr ine blöked. Und es häd nie ufgä, bis de Sämi wach gsii isch unds kei Möglichkeit gä häd, das er wider iischlafe chönti.

Und wie häd das de Sämi gliebt. Vorallem s’Blööke is Ohr ine, das häd en gnärft. Meischtens häd er grad vomene Leu träumt, wo ihn mit luutem Gebrüll uslachet und verhöönt, bevor er aagriift. Wel i de Träum vom Sämi händ alli Tier immer chöne rede. Au sis vorwitzige Schaf. Das isch i de Träum es ängschtlichs chliises Schaf gsii und häd nöd Windi sonder Wundi geisse. Immer wider häds grüeft „Sämi, Sämi, chum schnäll, e gfäärlichi Schlange.“ Und wän de Sämi cho isch, isches nur en mikrigi Blindschliiche gsii. Aber trotz allem, de Sämi häd s’Windi, wo i de Träum s’Wundi gsii isch, am meischte gliebt vo all sine Schaf.

Inere Nacht churz vor de Sunnewändi triibt de Sämi also alli Schaf is Gheg. S’Windi lueget en mit grosse Auge a, es schiint scho wider en Streich paraat z’ha. „Du, jetzt wird aber gschlafe, gäl. Ich han au nüüt defür, das du i de Traumwält so en Angschthaas bisch.“ Seit de Sämi zum Windi, „ Und weck mi dän nöd wider so früe wie geschter.“ „Mä“, git em s’Windi zur Antwort.

De Sämi taucht is Chüssi ine, und schlaft scho bald tüüf und fescht.

Plötzlich gspüürt er öppis uf em ume trample. Er macht d’Auge uf und gseet s’Windi. Unsanft gheit er s’Schaf abe: „Laa mi schlafe, es isch no z’mitst i de Nacht.“ Und scho schlaaft er wider ii.

Aber s’Windi git nöd uf. Es ziet em eifach s’Chüssi wäg. „Gaats no, du bisch jetzt es frächs Biischt, es isch ja no ganz dunkel, was häsch?“

„Ich han en Ängel gsee“ seit s’Windi?“ Und da wird de Sämi grad ruhig, „dän träum ich das ja? Dän bisch du ja s’Wundi und ich schlafe immer no. So schöön.“

„Was schöön,“ seit s’Windi. „Du häsch de Ängel verschlafe? Ich han di nöd wach pracht. Log, alli andere Hirte sind wäg. Es isch taghell worde, wo de Ängel cho isch und alles häd glüüchtet i sim himmlische Glanz. De Ängel häd gseit. Händ kei Angscht, hüt isch eu de Heiland gebore, de Retter und Erlöser vo allem, wo läbt. Gönd go luege ...“

“Halt, Halt Wundi, du verwächslisch da öppis. De Held bin iich?“

„Ich bin s’Windi und du träumsch nöd. Lueg di doch a, gseet so en Held us?“

De Sämi lueget siich i sine schäbige verfilzte Chleider a und stuunt, tatsächlich isch er  i dem Traum nöd de Held.

„Aso,“ seit s’Windi, „Du findsch de Retter und Erlöser imene Stall grad vor Bethlehem.“

„Wotsch jetzt au no säge, de Retter und Erlöser seg es Schaf, wo im Stall uf d’Wält cho isch.“

(Zum Publikum)

„Ich han ja  scho vill komischi Träum gha, aber so öppis.“

„Chum, seit s’Windi“ und zupft en am Hosebei. „Mer gönd go luege.“

De Sämi lueget ume, tatsächlich sind alli andere Hirte wäg. Träum ich, oder bin ich wach? Am beschte ligg ich ane und schlafe ii. Das chan mer ja au im Traum. Und dän wachi am Morge uf und alles isch wie immer.

Aber s’Windi laat em kei rue, bis er siich ufmacht uf Bethlehem, zum go luege, was da de Ängel verzellt häd. Underwägs füült er siich müed, das düüted druf hii, das er würkli wach isch. Dän i de Wält vo de Träum isch de Sämi bis jetzt no nie müed gsii.

Er lueget in Himmel ufe und gseet über emene Stall vor Bethlehem en Stern lüüchte, so hell, wien er no nie en Stern gsee häd. „Also träum ich doch, aber zu dem Stall muesi gaa, „ dänkt de Sämi und au s’Windi häd de Stern gsee, es lueget schnäll zrugg zum Sämi und hüpft und gumped mit erwartigssfrohne Freudegümp dem Stall entgäge.

Vor em Stall häds vill anderi Schaf. Si stönd in Gruppe zäme und reded mitenand. Und us em Stall dringt es erbärmlichs Gschrei vomene neugeborene Chind.

De Sämi und s’Windi gügslet in Stall ine. Drin isch en rächte durenand. Hirte prichted em Josef, am Vatter vom Chind, vo de Ängelsbotschaft. Zwei Esel und en Ochs sind mitenand im Gspräch über d’Betütig vo dere heilige Nacht. Und d’Maria, d’Mueter vom Jesus, schauklet s’Neugeborene Chind i de Arme und versuecht’s z’beruhige.

S’Windi gaat zu de Maria und fräget: „Was fäält em, dem chliine Retter und Erlöser?“ „Er chan nöd schlafe, und bruchti doch jetzt eifach sini Rue, aber mer macht vill z’vill Betriib um sini Geburt.“

„Da weiss ich Rat,“ seit s’Windi, „de Sämi det hine, de Hirtebueb, de häd de beschti Schlaf vo allne Mänsche, wo ich bis jetzt gsee han, sicher chan er am Jesus es bits Schlaf verschänke.“

De Sämi häd scho nach emene weiche Plätzli im Stro usschau ghalte, wo er chönti aneligge und schlafe. Da chunt d’Maria uf en zue und leit em s’Neugeborne Chind i d’Arme. „Lueg em schnäll, ich mues mi en Momänt usrube. Das ich de Jesus, de Retter und Erlöser vo allne Mänsche“, und scho isch si verschwunde.

De Sämi lueget de schreiendi Retter a i sine Arme. „So gseet also en Retter us, schreie chan er scho luut.“ Aber die Rue, wo de Sämi in siich treit, die gspüürt au s’Chind. Es gaat nöd lang, da wird’s ruhig, de Sämi leit siich is Stroh mit em Jesus uf siner Bruscht und beidi schlafed ii.

Am morge verwachet de Sämi. Näbed siich betted s’Chind und s’Windi. „He, Wundi, sind mir immer no im Traum?“ „Mä“ seit s’Windi und de Sämi merkt, es isch kein Traum gsii. De Retter und Erlöser isch da, imene Stall uf d’Wält cho. Ohni Glanz und Glimmer. Gott häd scho sini eigne Plän und immer wider e Überraschig für d’Mänsche parat. Und er, de Sämi, häd dem Chrischtuschind öppis vom wichtigschte chöne schänke. Rue und Zfrideheit.

Jesus häd die Gschänk, wo mer ihm im Stall zu siner Geburt bracht häd i sis Läbe mitgno. Nöd nur s’Gold vom König, au d’Rueh vom Hirtebueb Sämi. Jesus häd nämlich en guete Schlaf gha. Einisch wird verzellt, häd er imene Boot ruhig und tüüf gschlaffe, zumitst im Sturm, obwohl s’Fischerböötli fascht umkippet wär i de Wälle und immer wider en Gutsch Wasser is Boot ine cho isch. Und immer wider isch Jesus, wän em alles z’vill worde isch, i d’Stilli gange, uf en Berg oder i d’Wüeschti, zum uf d’Stimm vom himmlische Vatter z’lose. Ich glaub drum, s’Gschänk vom Sämi isch eis vo de wichtigschte gsii.

Werner Schneebeli, Dezember 2006

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Die vier Kerzen

9. 11. 04

Die vier Kerzen

Die vier Kerzen

Vier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war ganz still. So still, dass man hörte, wie die Kerzen zu reden begannen.

Die erste Kerze seufzte und sagte:

"Ich heisse Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden, sie wollen mich nicht."

Ihr Licht wurde immer kleiner und verlosch schliesslich ganz.  

Die zweite Kerze flackerte und sagte:

"Ich heisse Glauben. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne."

Ein Luftzug wehte durch den Raum und die zweite Kerze war aus. Leise und traurig meldete sich nun die dritte Kerze zu Wort:

"Ich heisse Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich an die Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie liebhaben sollen."

Und mit einem letzten Auflackern war auch dieses Licht ausgelöscht. Da kam ein Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte:

"Aber, aber ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!"

Und es fing an zu weinen. Da meldete sich auch die vierte Kerze zu Wort:

"Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heisse Hoffnung."

Mit einem Streichholz nahm das Kind Licht von dieser Kerze und zündete die anderen Lichter an.

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Eine Engelsgeschichte

29. 11. 02 

Der Traum

Ein junger Mann hatte einen Traum: Er betrat einen Laden. Hinter der Ladentheke sah er einen Engel. Hastig fragte er ihn: "Was verkaufen Sie, mein Herr?" Der Engel gab freundlich Antwort: "Alles, was Sie wollen." Der junge Mann sagte: "Dann hätte ich gerne das Ende der Kriege in aller Welt, genug zu essen für die Hungernden, tatkräftige Hilfe für die Erdbeben-geschädigten, ein Bett für alle Flüchtlinge, die Beseitigung der Elendsviertel in Lateinamerika, Arbeitsplätze für alle Jugend-lichen und, und ..."
Da fiel ihm der Engel ins Wort und sagte: "Entschuldigen Sie, junger Mann, Sie haben mich missverstanden. Wir verkaufen keine Früchte hier, wir verkaufen nur den Samen!"

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Eine Strassenverkäuferweihnachtsgeschichte

28. 11. 02 

Bis das letzte Herz erlischt.

Auch ein Baum will schliesslich mal ein Geschenk machen und bringt mit seiner Missachtung der Naturgesetze die heile Dorfwelt ganz schön durcheinander: Bis dass die Herzen schliesslich lichterloh brennen...

Es war einmal ein kleines Dörfchen. Da stand ein wunderschöner Apfelbaum, der jedes Jahr kräftig blühte und im Spätsommer grosse, schöne, knallrote Äpfel trug. Das erfreute natürlich im Dorf Gross und Klein, sodass der Baum stets gepflegt und sehr geliebt wurde. Die Äpfel schmeckten ganz besonders gut. Die Dorfbewohner legten sie sogar an Weihnachten unter den Baum, so beliebt waren sie.
Der Apfelbaum wollte dem Dörfchen ein spezielles Geschenk machen. Eines Frühlings blühten seine Knospen in einem so schönen Rot, dass die Menschen nur noch staunten. Als die Äpfel reiften, waren sie von Anfang an knallrot und nicht wie üblich zuerst grün. Sie wurden doppelt so gross wie sonst und dufteten schon von Weitem gut und stark.

Nur ein Apfel pro Kind
Als im Herbst die Kinder des Dorfes die Äpfel pflücken wollten, staunten sie nicht schlecht: Jedes Kind konnte nämlich nur einen Apfel pflücken, mehr gab der Baum nicht her, Warum wohl?, fragte man sich im Dörfchen. Alle Bewohner standen vor dem Baum. Plötzlich begann dieser zu sprechen: "Kommt an Weihnachten zu mir hinaus ins Feld. Ich will euch etwas schenken."
Vor allem die Kinder konnten von da an Weihnachten kaum mehr erwarten. Jeden Tag schauten sie mit ihren funkelnden Augen zum Apfelbaum empor, aber es war immer alles gleich. As der erste Schnee das Feld bedeckte, war der Apfelbaum noch schöner anzusehen mit seinen purpurroten Äpfeln um ihn herum.

Brennende Herzen statt Apfel
Das Dorf war wegen dem Apfelbaum völlig durcheinander. Man vergass vor lauter Spannung sogar den Weihnachtsbaum und vieles mehr. Dann war es endlich soweit. Warm angezogen marschierten die Dorfbewohner los zum Apfelbaum, um das von ihm versprochene Geschenk zu sehen. Schon von weitem sahen sie ein helles Leuchten, das immer stärker wurde. Die Menschen kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Äpfel waren auf dem Schnee sorgfältig in glitzernde Schalen gelegt. Im Baum hingen an Stelle der Äpfel grosse rote Herzen, die zauberhaft brannten und so viel Wärme gaben, dass die Menschen so lange beim schönen Baum blieben, bis das letzte Herz erloschen war. Dann machten sich die Dorfbewohner auf den Heimweg. Da entdeckten sie, dass in ihren Häusern Lichter brannten, auch wenn sie ihre Weihnachtsbäume ganz vergessen haften. Zu ihrem Erstaunen stand in allen Häusern ein kleiner Apfelbaum mit leuchtenden Herzchen.

Apfelbaum im Winterschlaf
Am nächsten Tag gingen alle noch einmal zum Baum. Eine Krähe sass zuoberst auf einem Ast und krähte vor sich hin, Der Apfelbaum war in seinen Winterschlaf versunken.
Aber im Frühjahr blühte er wieder in voller Pracht und tut es noch heute. Und im Dorf spricht man immer noch von der schönsten Weihnachtszeit; auf dem schneeweissen Feld beim zauberhaften Apfelbaum voller brennender Herzen! Auch die kleinen Bäumchen sind jetzt gross und stark geworden, sie blühen im Dorf in jedem Garten.

Von Daniel Beuret (Strassenverkäufer)

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Geschichte zum Advent

23. 11. 02 

Der zwölfte Engel


Wie immer im Dezember herrschte in der Stadt Hochbetrieb. Die Weihnachtsvorbereitungen waren in vollem Gang. Der Lastwagenfahrer Lips musste im grössten Warenhaus eine seltsame Fracht abliefern. Schwer war die Ladung nicht. Trotzdem hat sie den ganzen Lastwagen ausgefüllt. Zwölf riesengrosse Engel für die Weihnachtsdekoration aus Karton und Goldfolie musste er transportieren. Es war schon dunkel und kurz vor Ladenschluss.
Auf der Rampe beim Lieferanteneingang stand der Ge- schäftsleiter bereit. Er schaute auf die Uhr und war sichtlich nervös. Er liess den Lastwagenfahrer kaum aussteigen, verlangte sofort den Frachtbrief. Und begann eifrig die Ware zu kontrollieren. "Ja Halt", sagte er plötzlich. "Da stimmt doch etwas nicht." Und er begann noch einmal von vorn mit Zählen. Aber er ist wieder nur auf elf gekommen. "Wo bleibt denn da der zwölfte Engel?" fragte er den Lastwagenfahrer in vorwurfsvollem Ton. "Da fehlt doch einer."
Lips hat auch noch einmal nachgezählt. Und dann mit der Achsel gezuckt. "Keine Ahnung. Als ich ging, waren es noch zwölf. Aber ich mochte die Engel nicht anbinden wie eine Schar Sträflinge. Es muss einer verloren gegangen sein." Der Geschäftsleiter rannte wie gestochen durch das Warenhaus und holte den Chefdekorateur. Als dieser sah, dass der grösste, wichtigste und schönste Engel fehlte, redete er von einer Katastrophe. Und drohte Lips mit der Kündigung. Es könne ihm die Stelle kosten, wenn dieser Engel nicht mehr zum Vorschein käme, sagte er.
Dem Lastwagenfahrer war es peinlich. Aber er konnte sich nichts anderes vorstellen, als dass dieser Engel halt irgendwo auf der Autobahn liegt. Der Geschäftsleiter alarmierte sofort die Polizei. Und man kann sich die Gesichter der beiden Polizisten im Streifenwagen vorstellen, als sie über Funk die Meldung vernahmen: "Achtung, Achtung, auf dem Autobahnabschnitt 394 wird ein Engel vermisst, circa ein Meter neunzig gross. Die beiden schauten einander an, als ob sie nicht richtig gehört hätten. "Wie bitte? Ein Engel auf der Autobahn? Da erlaubt sich wohl jemand einen schlechten Scherz." Es war schon ein ziemlich ungewöhnlicher Auftrag für die beiden alten Hasen im Polizeidienst, auf der Autobahn nach einem verlorenen Engel zu suchen.
Unterdessen herrschte dort dichter Abendverkehr. Auch der Parfumhändler Schröder befand sich auf der Heimfahrt. Er hatte im Autoradio eben eine rassige Musik eingeschaltet und freute sich auf den Feierabend. Da plötzlich tauchte im Scheinwerferlicht ein seltsames Gebilde auf. Es sah aus wie ein riesiger Nachtfalter. Schröder stand sofort auf die Bremse. Sein Wagen schleuderte, glitt nach rechts ab. Und fast gleichzeitig gab es einen harten Knall. Schröder schlug mit dem Kopf ans Steuerrad. Auf dem Pannenstreifen kam das Auto endlich zum Stillstand. Der Parfumhändler zitterte vor Schreck. Und als er aussteigen wollte, glitt er aus. Glatteis! Der Boden war wie Glas anzufassen. Schröder ist vorsichtig aufgestanden und suchte hinter dem Auto nach dem sonderbaren Gegenstand. Er fühlte sich wie Karton an, der mit einer dünnen 
Eisschicht überzogen war. Er hat das Ding abgetastet und aufgehoben. Es war vershältnismässig leicht. Und er zog es nach vorn ans Licht. Das ist ja ein Engel mit gebrochenem Flügel. Schröder, der noch den ganzen Schreck in den Knochen hatte, richtete den Engel auf und bog ihn zurecht, so gut es ging. Das wird ihm niemand glauben, dachte er, dass er auf der Autobahn mit einem Engel zusammengestossen ist. Dann hatte er den besten Einfall seines Lebens. Er beschloss, dem Engel einen besonderen Auftrag zu geben. Er holte aus dem Warensortiment einen Lippenstift und schrieb mit grossen Buchstaben auf das weisse Gewand des Engels: Achtung Glatteis! Er schob ihn an den Strassenrand, so dass man ihn mit seinen ausgebreiteten Flügeln gut sehen konnte. Dann stieg er wieder ein und fuhr weiter. 
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Der verlorene, zwölfte Engel hat natürlich grosses Aufsehen erregt. Am nächten Morgen war er in der Zeitung abgebildet. Daneben stand, dass nicht weniger als neun Autofahrer ausgestiegen sind und dem Engel 'Dankeschön' aufs Kleid geschrieben haben. Die beiden Streifenpolizisten liessen nämlich den Schutzengel für jene Nacht am Autobahnrand stehen.
Danach liess die Geschäftsleitung des Warenhauses den verlorenen Engel mit der ganzen Bemalung ausstellen. "Das ist eine gute Reklame", meinte der Dekorateur. Und alle redeten von Glück im Unglück. Der Lastwagenschauffeur Lips konnte seine Stelle behalten. Man bot ihm sogar eine Flasche Wein an für seinen unfreiwilligen Beitrag an die Weihnachtsdekoration. Aber er lehnte dankend 
ab. Es gefiel ihm nämlich nicht, dass man aus dem unverhofften Schutzengel ein Geschäft machte.

Geschichte nach Dieter Kaergel, leicht umgeschrieben.

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Weihnachtsgeschichte

23. 11. 02 

Sonntagschulweihnacht in Hausen

I sebere Nacht, wo d Ängel de Hirte uf de Felder vo Bethlehem d Geburt vo Jesus verkündet gha händ, hät das au e Muus ghöört. Und sie hat de helli Schtern gsee lüchte.
"E gueti Nachricht", denkt sie und lauft grad los, demit sies de andre Tier cha wiiter säge.
Zerscht weckt sie de Hamschter, wo nöd wiit vo ihrem Loch wohnt...
Der isch grad mit sim Wintervorrat beschäftiget und sait:
" Was störsch mi au zmittst i de Nacht?"
"Loss zue". sait d Muus. "Ich han e gueti Nachricht für Dich. En König isch gebore.
"En Chönig"?, sait de Hamschter, muess es denn grad en Chönig si?"
"Ja", sait d Muus, "und er isch grösser und störkcher als jede andere König. Chumm mit. Mir wänd ihn besueche."
"La mi in Rueh. A das, wo e Muus verzellt, glaub ich sowieso nöd ! Aber frög emal s Büsi, sie isch doch Dini Fründin. Oder näd ?" 
De Muus lueget umenand. Sie isch ganz ellei. Dunkel isch es, aber de Stern mit sim helle Liecht, der macht de Muus Muet. De neui Chönig isch gross und starkch, denkt sie, der wird mi beschütze.

Plötzli funklet zwei grossi Chatzeaugen am Rand vom Weg. "Exgüsi", sait sie, "aber i dere Nacht dörfet mir eus n"d striite. Ich bi unterwegs zum neue Chönig."
"Was für en Chönig"?
"Er isch hüt gebore, und er isch stärker als Du".
"Woher weisch das?".
D Muus lupfts Pfötli und zeiget uf de helle Stärn.
"Chum zum glaube", sait d Chatz. Sonigs Liecht han ich vorane no nie gsee. Eigentlich han ich Dich welle fresse, aber jetzt bin ich neugierig uf de neu Chönig." 
"Also chum," sait d Muus. "Immmer dem Stern da nache..."
Muus und d Chatz chömmet zum Dorf. Im Dorf schlaft de Bello, de Hund, in sinere Hütte. Er fangt gard a zknurre. "Was wänd ihr", fröget er misstrauisch.
"Hüt nacht isch en Chönig gebore", sait d Muus,"der isch stärker wie Du". Mir wänd ihn begrüesse. Chunsch mit ?
"Unmögli", sait de Hund. "Ich muess s Huus vo mim Herr bewache.
"De Herr isch scho lang unterwegs zum neue Chönig"
"Und was passiert ächt, wenn Diebe chömmet?"
"Die sind au uf em Weg zum Chönig". Mach Dir kei Sorge, dem Huus wird nüd Böses passiere." - 
"Wenns wirkli eso isch", sait de Hund, "chumm ich mit.

Im Wald treffed die drü Tier de Fuchs. Er hät sich im Dorf e Gans gschnappt und trait sie um Muul. "Heb Erbarme", quaket d' Gans und flatteret mit de Flgel.

"La d´ Gans la si", sait d Muus. "Für das isch jetzt kei Zyt. Mir sind uf em Weg zum neugeborene Chönig."
"En neue Chönig", stuunet de Fuchs und laat d Gans loos. "Min Chönig isch de Wolf."
"Viel grösser und störker als de Wolf", sait d Muus.
"Glaubsch Du das wirkli? Was wird de Wolf zu dem söge?"
"Er wird au mitgo", sait d Muus.
"Und ich flüge voruus", schnatteret d Gans und schwingt sich i d Luft.
De Fuchs stellt sich skeptisch hinter de Hund. Aber er goht mit.

Uf em Berg stoht de Wolf. Wild und mächtig gseet er uus. Sis Knurre cha mer wiit ume ghöre. D Muus isch ganz muetig und sait:
"Loss zu, Wolf. Chasch eus säge, wer Di n Herr isch?"
"Min Herr isch de Bär", sait de Wolf. "Und ich kenne niemet, wo stärker isch wie er."
"Du, mir sind uf em Weg, en noch mächtigere Herr z besueche. Chunnsch mit ?"
De Wolf überlait. Gege s Abentür hät er nüd iizweende. Vielliecht gits ja au öppis für e Beute...."Los, gömmer", sait er. So schnell lauft de Wolf, daá d andere Tier ihm chum chönnt folge.

Äntli chömmet d Tier zu de Höhle vom Bär. 
Und d' Muus sait:
"En König isch gebore, störker und möchtiger als Du !"
De Bör stoht uuf und tappt es paar Mal um sich selber.
"König, häsch gsait, stärker als ich ?""Chumm mit vor d Höhli, ich werd Dir öppis zeige. Das häsch Du no nie gsee...", sait d Muus.
De Bär folget de Muus us de dunkle Höhle usse.
"Gseesch der Stärn am Himmel?". Der Bär brummlet.
"Du häsch recht, Muus, da muess öppis Bsundrigs passiert si..."
Denn macht er sich mit schwerem Schritt mit de andere uf de Weg.

Hinter em Berg liit en Stall. 
"Da" isches, sait d Muus. Und de Bär gseet, dass de Stärn über em Stall stoh bliebe isch und dass no vieli anderi Mänsche cho sind.
Aber won er es chlises Chind i de Krippe gseet denkt er: 
"Das söll de neugeborene Chönig si?" 
"Aber lueg doch, wie s Chindli lüchtet?", sait d Muus.
Da bügt sich de Bär abe und macht sich ganz chli. 
D Muus isch glückli und denkt:
"Komisch, dass ichs gsi bi, wo zerscht die gueti Nachricht ghöört hät.
D' Müs sind doch eigentlich ch die chlinschte und nutzloseschti Gschöpf. 
Und ich ha sie alli zu de Krippe bracht....

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Landung Gottes

22. 11. 02 

Aufregung im Flughafen Kloten

1. Geburtstag

Eigentlich isches en ganz gwöndliche Sunntig Morge. Dusse isches näblig, chalt und düschter. Keis Wunder, es isch au Januar und hüt rumet vill Lüüt die alte Tanebäum uf d'Srass für d Grüenabfuer am Mäntig. D'Wienacht isch verbii. S isch Drükönigstag.
Guet scho das isch eigentlich öpis psundrigs, aber für d'Sara isch no öpis ganz anders vill vill psundriger. Uf de Tag häd si siich nämlich scho lang gfreut. Si hät hüt Geburtstag. 12 Cherze stecked im Geburtstagschueche. Aber es isch immer no nöd das, wo de Tag so speziell macht für d'Sara. 
Ire Vater häd ire ebe scho länger öpis versproche, und das gat hüt an irem Geburtstag in Efüllig. Er schaffed bi de Swissair im Flughafe Chlote uf em Kontrollturm. Vo deet gseet er über de ganz Flughafe ine und über de Radar gseet mer d'Flüüger scho vo wiit her cho. Die mues er dän richtig iiwiese. Und wänn es Flugzüg startet, seit er uf wellere Pischte de Pilot derf abflüüge und git em au d'Starterlaubnis. Und ebe, hüt derf d'Sara s'erscht Mal mit em Papi uf de Kontrollturm ga und zueluege wies deet zue und her gaat. 

2. Uf em Flughafe

Scho bim Zmorge isch si ganz zablig. Und wo si dän tatsächlich Hand in Hand mit em Papi in Lift ine Stiigt wo in oberschte Stock vom Kontrollturm ufe fahrt, da ghöört si ires eigni Herz trummle wie veruckt. De Papi stellt si dän allne andere Mitarbeiter vor. Em Hans und de Rosmarie, wo jetzt grad abglööst werdet und de Maria, wo mit em Papi vo de Sara zäme jetzt afangt schaffe. Wärend de Papi d'Rosmarie fräget, öb au alles in Ordnig isch, isch d'Sara scho underwägs und lueget alles ganz genau aa. Da häts grossi Bildschirm mit Streife und lüchtende blinkende Pünktli druffe, es hät Computer und Telefon, Lutsprächer und Funkgrät und natürlich rund ume riisig grossi Fänschter wo mer über de ganz Flughafe gseet. D'Maria sitzt scho vor em Bildschirm und mit em Josef, das isch ebe de Papi vo de Sara, wiisd si s'erschti Flugzug ii und bringd's sicher an Bode. Nur en churze Momänt chan d'Sara de Papi öpis fräge, dän mues er scho wider emene Flugzüg hälfe lande. Er mues halt immer de Überblick ha und derf siich kän Fäler erlaube.

3. Es Problem

Plötzlich fräget d'Maria de Josef: 
"Du, Sep, weisch du öpis vomene Flugzüg wo demnächscht söti Lande?"
"Nei, mer händ jetzt dän drü Abflüüg, aber die nächschti Landig isch erscht i 20 Minute."
"Aber lueg emal uf de Radar, was isch dän das?"
Tatsächlich gseet mer uf dem Bildschirm en blinkende Punkt wo immer nächer chunt. De Josef bliibt ganz ruig und seit:
"Versuech du Kontakt ufznä mit dem Flüger, ich benachrichtige undertswüsche s'Sicherheitszäntrum."
D'Maria probiert und probiert zum unbekannte Flugzüg e Funkverbindig herzstele, aber es bliibt alles ruig i de Leitig. S' Flugzüg chunt immer nächer, aber vo Aug chan mer no nüüt gsee, es hät ja au Hochnäbel und drum gseet mer nöd wiit in Himel ufe. Uf em Flughafe werded drum alli Sicherheitsvorcherige troffe. Mane mit Maschinegweer steled sich überall uf iri Pöschte. D'Sara chan alles genau beobachte und findet's unheimlich spannend, das grad hüt öpis los isch, wo sii hät chöne mit uf de Kontrollturm. 
4. Gott mäldet siich

Plötzlich gaat es Knattere dur d'Leitig und dänn ghört mer undüütlich e Frauestimm dur d'Luutsprächer rede:
"Hallo, isch da öpper, ghöört mich öper."
"Da isch s'Kontrollzäntrum vom Flughafe Chlote," seit d'Maria sichtlich erliechteret is Mikrophon, "chönnt si mich ghöre?"
"Ja, äntlich häts klapped, ich han wele fräge öb ich da irgendwo lande chan", tönts us em Luutsprächer. 
"Händ si no nie öpis vo Flugsprach, Mäldige und Landeerlaubnis ghört. Mir müend wüsse wer sii sind und woher si chömed und was si da wänd. Mir müend wüsse was si für es Flugzüg händ und wie lang si da uf em Flughafe wänd bliibe", seit d'Maria.
"Jä soo," git d'Frauestimm zur Antwort, "ich käne mi ebe bi dene Sache nöd eso guet uus, also ich probiers emal: Ich bin Gott und ersueche um e Landeerlaubnis uf minere Erde. Ich chume vom Himel und mis Flugzüg isch e Eigekonstruktion. Langet das?"
De Josef, wo underzwüsche wider im Turm acho isch, häd alles mitaghöört und schüttlet de Chopf. Er nimmt s'Mikrophon i sini Hand und ret ganz ruig: "Mached si bitte kei Witz, e sone Landig isch e gfärlichi ernschti Sach. Sie müend siich richtig uswiise bevor mir ine e Landeerlaubnis chönd gä." 
En chliine Momänt isches ruhig, dän ret die Frauestimm wider us em Luutsprächer.
"Das sind aber ganz neui Regle, bi mim letschte Psuech vor 2000 Jahr hani nüüt vo dem pruucht. Guet, ich han deet au en andere Wäg gwält, imene Stall als chliises Baby - ja aber es mues mir doch erlaubt werde, mini Erde z'psueche oder?"
D'Maria und de Josef lueged siich chopfschüttelnd aa. Was selets au mache? Si beschlüüssed also, das Flugzüg im Sicherheitstrakt lande z'laa. I dem Momänt, rüeft d'Sara vom Fänschter us: 
"Chum Papi log, da, jetzt chamer de Flüüger gsee." 
De Josef gat sofort zum Fänschter und tatsächlich. Da chunt es ganz eigenartigs Ding z'flüüge. Es gseet eigentlich us wie es Flugzüg und doch hät de Josef no nie so en Flüüger gsee. 
"Maria, versuech du das komische Ding iizwiise, ich kümere miich um alli Sicherheitsmaassnaame," seit de Josef. Und zu de Sara: "Du bliibsch da obe und gasch nöd ewägg bis ich wider chume." 
Und so passierts dän au. Das komische Flugzüüg landet genau deet wo's söt. Sofort wird's umgä vo schwär bewaffnete Polizischte. Alli warted was jetzt passiert. Au d'Sara gseet alles vom Turm us. Si gseet wi es Töörli ufgaat und öpper e Leitere uselaat. E Frau stiigt d'Leitere abe, dräiet sich um, hebt d'Ärm uf und rüeft mit emene straalende freudige Gsicht: 
"Mini geliebti Erde, mini liebe Mänsche, chömed i mini Arme."
D'Sara wär am liebschte grad abe gange, aber si hät ja am Vatter versproche da obe z'bliibe. Si gseet grad wie zwei Polizischte uf die Frau zue gönd und si am linge und rächte Arm packed und abfüered. Es gaat dän lang bis de Papi wider chunt De isch ganz durenand und mag nöd schwätze, obwool d'Sara immer wider fräget, wo die Polizischte die Frau hi ta heged. 

5. Gottesbegägnig

Am Abig chan d'Sara nöd iischlafe. Si mues immer a die Frau tänke und a das wo si gseit hät. Isch die Frau würkli Gott gsii? De Papi häd gseit nei, es seg eifach e Frau wo duretrüllt isch. Jetzt seg si i de psychiatrische Klinik, bis es ire besser gaat. 
Aber plötzlich gseet d'Sara die Frau näbed siich am Bettrand sitze und gspüürt iri Hand wo fiin über ire Chopf streichlet. 
"Sali Sara" seit si plötzlich.
"Sali Gott, oder wer bisch du eigentlich, wiso känsch du min Name und wie chunsch du dahii," fräget d'Sara?
"Ich känne alli Mänsche bi irem Name," seit d'Frau. "Ich han diich no wele go Psueche bevor ich wider ga, weisch die erwachsne Mänsche händ miich no nie Verstande, aber du verstasch mich, du bisch die einzig wo mich verstande hät hüt am Morge uf em Flughafe."
"Ich han doch am wenigschte verstande?" seit d'Sara.
"Du häsch meh verstande als alli andere. Gäl, vergiss mi nöd, ich bin au bi dir wän mi nöme gseesch."
Und scho isch si wider verschwunde gsii, debii het d'Sara no so vill wele fräge. Si hät aber nüt me chöne fräge, will si i dem Momänt grad iigschlafe isch. Am Morge häd si nöme gwüsst, öb si jetzt de Bsuech träumt hät oder nööd. Si häd drum em Vater und de Muetter nüüt gseit. Am Abig aber vernimmt si vom Papi, das d'Frau mit em Flugzüüg plötzlich verschwunde seg, niemert weiss wie und wohii.

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Ideenbörse, Weihnachtsgeschichten

von Werni Schneebeli 

4. Dezember 2001

DER MINUTENBETTLER


Aus "Der Stern" von Lene Mayer-Skumanz, Herderverlag

Auf dem Markt am Tiberufer stahl Markus eine Zwiebel und ein Stück Fisch. Die Händler, die ihre Karren abluden, merkten es nicht. Markus war der frechste und flinkste Betteljunge von Rom.
Im sechsten Jahrhundert nach Christus lebten in Rom grosse Scharen von Bettlern. Sie hockten auf den Kirchenstufen, vor den Toren der Markthallen, auf den Trümmern verfallener Tempel. Sie lieferten einander erbitterte Kämpfe um die besten Plätze. Denn Rom war zu dieser Zeit keine reiche, glänzende Stadt. Rom war eine verängstigte, arme Stadt, voll hungriger Flüchtlinge, die vor den Langobarden nach Süden geflohen waren.
Die tägliche Not machte alle hart und grausam. Schon die kleinsten Betteljungen hatten den Erwachsenen alle Tricks abgeschaut. Markus zum Beispiel konnte sich blind, gelähmt oder verkrüppelt stellen, ganz wie er wollte. An diesem kalten windigen Dezembermorgen war er noch im Finstern aufgebrochen, um seinen Platz in der Vorhalle der Clemens-Basilika einzunehmen. Er wusste: die Frauen, die in die Frühmesse gingen, hatten Mitleid mit einem kleinen hungrigen Betteljungen.
Als Markus die Stufen zur Vorhalle hinaufsprang, sah er, dass sein Platz besetzt war. Ein fremder Bettler sass mit dem Rücken an eine Säule gelehnt. Sein Bart und sein Haar waren grau.
Markus stellte sich breitbeinig vor ihn. 
"Du sitzt auf meinem Platz! So eine Gemeinheit! Die erste Säule beim Eingang ist mein Platz! Verschwinde von da, oder ich sag's meinem Capo, der prügelt dich fort!"
Der Alte blickte auf, sein Gesicht war friedlich.
Ich habe nicht gewusst, dass ich auf deinem Platz sitze, Kleiner!"
"Steh auf!" schrie Markus.
"Ich kann nicht", sagte der alte Mann. "Ich bin gelähmt."
"Den Trick kenne ich!" antwortete Markus.
Da streckte der alte Bettler die Arme aus und zog die Decke beiseite, die seine Beine verhüllte. Markus schauderte. Die Beine des Alten waren dünn und schwach wie die eines Kindes, nur die Knie starrten wie seltsam große Knoten aus den Lumpen. Markus bückte sich und warf die Decke über diese armen Beine.
"Wenn dein Capo kommt, könnt ihr mich ein Stück weitertragen", sagte der Alte. "Ich will dir deinen Platz nicht wegnehmen, mein Junge."
"Zu welcher Bande gehörst du?"
"Zu keiner", sagte der Alte.
Markus wollte das nicht glauben. "Zu keiner? He, und wer schützt dich, und wem gibst du von deinem Tagesertrag?"
"Wenn ich einen finde, der nichts bekommen hat, teile ich mit ihm", sagte der alte Mann.
Markus starrte ihn an. Ein Verrückter oder ein Betrüger! dachte er.
"Teilen? Freiwillig? Einfach so?"
Der Alte lächelte. "Ich bin ein alter Mann und brauche nicht viel."
"Und wer hat dich hergebracht?"
"Mein Nachbar. Der ist sehr gut zu mir. Er hat mich auf dem Karren hergeführt. Sonst sitze ich immer an der Brücke unten, aber unter freiem Himmel ist es mir zu kalt geworden." Der alte Mann strich über die Decke. "Diese Decke hat mir der Nachbar geschenkt."
"Es ist eine Pferdedecke", sagte Markus. "Sie riecht nach Pferd
Eine gute, feste Decke, dachte er. Und so groß, eigentlich reicht sie für zwei. Und riecht nach Stall und warmen lebendigen Tieren.
Er schaute die Decke an. Sie verhüllte den Alten und hing noch über die Stufe herab. Zögernd ließ sich Markus neben dem Alten nieder, auf einem Deckenzipfel.
"Weißt du was?" sagte Markus. "Du gibst mir die Hälfte von deinem Tagesertrag, und ich lasse dich da sitzen, auf meinem Platz . . . Es ist ein guter Platz, wirst sehen. Ich spiele heute blind, und du bist mein gelähmter Großvater. Ja?" Er kicherte. "Ein hungriger, blinder Junge, der für seinen gelähmten Großvater sorgen muss - das klingt nicht schlecht."
"Ich bin froh, dass du mich hier sitzen lässt", sagte der alte Mann.
Markus betrachtete ihn. Der Alte hatte ein Tuch um den Hals geschlungen, aber seine Hände waren bloß. Mit steifen Fingern umklammerte er ein Bündel.
"Mir scheint, du bist ein Neuling", sagte Markus. "Mit Neulingen arbeite ich nicht so gern zusammen. Sie verderben einem das Geschäft." Er zeigte auf das Bündel. "Versteck das. Du darfst nicht zeigen, dass du dir etwas zu essen mitgenommen hast. Sonst gibt dir keiner was."
"Mein Junge", sagte der alte Mann, und in seiner Stimme war ein neuer Klang: etwas Warmes, etwas Glückliches. "Mein Junge, das ist kein Essen in meinem Bündel hier. Das ist etwas Kostbares. Willst du es sehen?". Er knüpfte das Bündel auf und nahm ein großes altes Buch heraus. Markus schüttelte den Kopf.
"Nur ein Buch ..
"Nicht irgendein Buch!" flüsterte der Alte. "Es ist die Heilige Schrift!"
"Willst du sie verkaufen?" fragte Markus.
"Nein, mein Junge. Verkaufen - niemals."
Markus überlegte schnell.
"Doch, du könntest sie verkaufen. Bücher sind teuer. Ich weiß einen Mann, der dir das Buch vielleicht abkauft. Wenn du mir ein Drittel vom Kaufpreis versprichst -"
"Kind!" rief der alte Mann. "Ich habe jahrelang gespart, bis ich mir dieses Buch kaufen konnte."
Verrückt, dachte Markus. Kein Betrüger. Aber schwer verrückt. Spart für ein Buch ... Dann kam ihm ein Gedanke. Er pfiff durch die Zähne und fragte mit einem Gefühl von Respekt:
"Oder - Liest du den Leuten daraus vor? Mit recht frommer Stimme? Das wär einmal ein neuer Trick! Oder ... oder kannst du vielleicht gar wahrsagen aus der Heiligen Schrift?"
"Ich kann nicht lesen", sagte der alte Mann. "Als Kind hab  ich's nicht gelernt. Ich habe gleich arbeiten müssen. Dann bin ich krank geworden, und mein Herr konnte mich für keine Arbeit mehr verwenden. Er hat mich weggeschickt. Körbe könnte ich  flechten, ja, und Matten. Aber wer nimmt einen alten, kranken Mann ... Jetzt hätte ich also Zeit gehabt zum Lesenlernen. Ich  hab's auch versucht, aber mein Kopf ist zu alt und dumm. - Kannst du lesen?".
"Nicht besonders gut", sagte Markus. "Gerade ein bisschen, dass ich eine Wandzeitung oder einen Steckbrief oder eine Botschaft lesen kann."
"Mein lieber Junge, aber ein bisschen kannst du ... Mein Gott,  so ein Glück." Mit zitternden Fingern blätterte der Alte in seinem Buch. "Mein Kind, sei so gut, lies mir vor - nur ein paar Zeilen -"
"Du bist verrückt", sagte Markus nun ganz laut, schwächte dann ein wenig ab: "Ein blinder Junge kann nicht lesen. Vergiss nicht, ich bin heute blind."
Er zog einen schwarzen Stoffstreifen hervor und band ihn über  sein linkes Auge. Auf das rechte klebte er eine Kruste, die er aus  Lehm und ein paar Tropfen Hühnerblut gemacht hatte. "Unter dem Verband kann ich aber hervorschielen", sagte er. "Hörst du, jetzt kommen die anderen - der bucklige Simon, die alte Julia. Und jetzt kommt die krumme Pauline mit ihrem Kind. Ich muss gar nicht hervorblinzeln. Ich erkenne sie alle an ihrem Schritt."
Die Bettler huschten die Säulen entlang, graue Schatten im blassen Morgen. Sie kauerten sich nieder, eng aneinandergedrückt, und neben die kalten Gesichter. Pauline spähte in die Kirche hinein. "Sie zünden schon die Kerzen an", murmelte sie. "Gleich geht's los."
Vor Markus blieb sie stehen. "Wer ist das neben dir?" Ihre Stimme war schneidend wie der Wind in den Straßen.
"Mein Großvater", sagte Markus. "Und wenn du was dagegen hast, melde ich dem Capo, dass du gestern zu wenig abgeliefert hast."
"Ist doch gar nicht wahr, du kleine Drecknase!" rief Pauline. Das Kind, das sie in ihrem Armen trug, wachte auf und wimmerte.
"Wahr oder nicht", sagte Markus. "Jedenfalls kann ich's bei allen Aposteln und Märtyrern beschwören ..."
"Ah, gib Frieden, du Schlingel", brummte Pauline und setzte sich neben Markus. "Dort kommen die ersten frommen Leute. Gut, dass es fromme Leute gibt. Mario, heul, mein Schätzchen." Sie zwickte ihr Kind, dass es plärrte, und fing selber zu heulen und zu jammern an. "Lieber guter Herr, gebt einer armen Mutter was für ihr Kind . . . Seht das arme Würmchen. . . Mitleid!"
Die anderen Bettler fielen ein. Markus mit seiner hellen Jungen- stimme übertönte sie. "Um der Liebe Christi willen, erbarmt Euch, liebe Herrin! Ein armer blinder Junge, der für seinen gelähmten Großvater sorgt - Danke, lieber Herr!"
Die Kirchgänger hatten Münzen und Brot verteilt, und der Bettlerchor ebbte ab, wie eine riesige Welle, die vom Strand wieder zurückleckt. Nur die Stimme des alten Mannes war noch zu vernehmen. Er heulte nicht, er schrie nicht, ganz ruhig bat er die Vorübergehenden: "Eine Minute! Lieber Herr, schenkt mir nur eine Minute!"
Sie gingen vorüber, ohne ihn anzusehen.
Markus blinzelte unter der schwarzen Binde auf ein Kupferstück in seiner Hand. "Nicht schlecht für den Anfang, ein gutes Vorzeichen für den Tag. Du, Alter, wie heißt du? Ich muss doch wissen, wie mein Großvater heißt?"
"Servulus. Und du, mein Junge?"
"Markus. - Du, Servulus, ich habe dich beobachtet, wie du die Leute angebettelt hast. Du benimmst dich wie ein Anfänger, der sich nicht traut. Du musst die Hände ausstrecken! Du musst lauter schreien! Du musst stöhnen und jammern! Bei deiner Brücke unten war's vielleicht anders, dort hast du deine Stammkunden gehabt. Aber hier - Sie sehen dich nicht. Sie schauen dich nur an, wenn du plärrst. - Los, da kommt wieder einer!"
Servulus richtete sich ein wenig auf. Er blickte dem Kirchgänger entgegen und hob seine Stimme: "Ein wenig Zeit, mein Herr! Schenkt mir ein wenig von Eurer Zeit! Drei Minuten, Herr! ... Eine Minute! Hier aus diesem Buch - ein paar Zeilen zu lesen, Herr, denn, Herr, ich kann nicht lesen -"
Der Mann, der in die Kirche gehen wollte, blieb stehen. Griff er nach dem Buch? Nein, er zog die Brauen hoch. "Lesen - da im Morgengrauen, in der Kälte! Guter Alter, dazu habe ich keine Zeit. " Er beugte sich nieder und drückte dem alten Bettler ein paar Münzen in die Hand. Als er die Pferdedecke roch, schnüffelte er und grub sein Gesicht tief in seinen Pelzschal. Eilig durchquerte er die Vorhalle und betrat die Basilika.
Markus blinzelte nach den Münzen. "Ich wäre jetzt zufrieden an deiner Stelle, alter Servulus . . . "
Servulus drückte das Buch an seine Brust. "Ach, mein Junge ... wenn nur einer Zeit hätte, mir vorzulesen. Schau, diese Dame dort -" "Die kommt täglich", flüsterte Markus. "Auf die ist Verlass!" Und schon fing er zu schreien an. "Ein hungriger blinder Junge und sein gelähmter Großvater!"
Die Frau lächelte dem Bettel jungen zu, und Markus musste sich zusammennehmen, um nicht zurückzulächeln; er war ja blind. Er streckte nur seine Hand aus. Die Frau legte Brot und Käse hinein. "Da, mein armer Junge, und diese Münze für den Großvater, ich weiß ja, dass hier immer arme Leute sitzen!".
Servulus hob das Buch in die Höhe. Seine Arme zitterten. "Liebe Dame, darf ich Euch bitten - hier - ein paar Zeilen?"
"Vorlesen?" sagte die Frau. "Jetzt?" Sie zögerte. "Aber da versäume ich ja den Beginn der heiligen Messe." Noch ein Zögern, ein winziges. "Nein, das geht wirklich nicht." Mit schnellen, kleinen Trippelschritten eilte sie dem Eingang zu.
Markus hörte den alten Bettler seufzen. "Na, sei nicht so traurig. Es ist leichter, Geld und Brot zu kriegen als ein paar schäbige Minuten Zeit, was? Aber du hast zu essen bekommen. Das ist das wichtigste."
"Nein, mein armes Kind", sagte Servulus. "Das ist nicht das wichtigste. Wenigstens für mich ist das nicht das wichtigste. Die zwei, drei Bissen für den leeren Magen, damit man nicht verhungert, die bekommt man schon. Aber wenn das Herz leer ist - das ist am ärgsten. Seit ich die Geschichten kenne, die in diesem Buch geschrieben sind, will ich sie immer und immer wieder hören. Ich habe Sehnsucht danach. Es ist wie Hunger, Markus, wie Hunger. "
Verrückt, dachte Markus. Verrückt, verrückt.
Aber der alte Bettler redete weiter, der Atem stieg in kleinen
Wolken von seinem Mund: "Du meinst, ich bin verrückt, mein
Junge? Nein. Nur sehnsüchtig. Erwartungsvoll. So gierig zu hören,
dass mir das Herz weh tut. Der Mensch lebt nicht nur von einer Handvoll Essen. Der Mensch lebt von dem, wonach er sich sehnt. Hast du gar nichts, wonach du dich sehnst, außer Essen?"
Markus schwieg. Wenn er morgens aufwachte, war er hungrig. Wenn er abends schlafen ging, war er hungrig. Wenn er bettelnd vor der Kirche saß, sah er die dicken Bäuche der reichen Leute vorüberschwanken. Er starrte auf die dicken Bäuche. Hass stieg in ihm auf. Er stellte sich vor, wie er den reichen Leuten ihre vollen Schüsseln wegnahm. Er stellte sich vor, dass er sich mit den vollen Schüsseln in einen stillen Winkel schlich, und dass er dort saß und aß, ganz allein, aß und aß und aß.
"Ich sehne mich nach nichts", sagte Markus böse.
"Armer Junge", flüsterte Servulus. "Jetzt merke ich erst, wie gut ich's habe!".
"Gut?" Markus lachte, und Paulines Kind fing wieder zu wimmern an.
Er kümmerte sich nicht darum. "Gut? Schau dich an, wie ausgemergelt du bist. Beinahe ein Gerippe bist du, Servulus. Wenn es kalt bleibt oder noch kälter wird, erfrierst du unter deiner Pferdedecke. Ich kann wenigstens laufen, wohin ich will."
Der alte Mann beharrte auf seinen Gedanken. "Man muss sich nach etwas sehnen können, Markus. Hast du nichts, was du dir wünscht, außer Essen?"
"Ha, wünschen!" Markus sprach leise, denn vor der krummen Pauline wollte er nicht von sich erzählen. "Man kriegt ja doch nicht, was man sich wünscht. Manchmal - aber du wirst mich auslachen, Servulus!"
Servulus klammerte sich an sein Buch. "Nein, ich lache dich nicht aus. Sag's mir nur, mein Junge, mir kannst du es sagen.
Markus rutschte auf der Pferdedecke ein Stückchen näher.
"Manchmal wünsche ich mir, dass mir von meinem Essen was übrigbleibt. So eine Handvoll, ein ordentlicher Knochen - oder wenigstens ein paar Rinden Brot. Dann ginge ich zu den Buden hinunter, zu den Trümmern hinter dem Zirkus. Dort verstecken sich die Hunde, die niemand mehr mag. Sie sind schon ganz verwildert. So stelle ich mir Wölfe vor. Hungrig und mager und mit zerzaustem Fell. So einen Hund möchte ich mir locken, mit dem Knochen, der mir übrigbleibt. Und dann dem Hund zuschauen, wie er frisst und sich freut. Und vielleicht würde er zutraulich werden und sich von mir streicheln lassen ... Ich habe aber noch nie so viel gehabt, dass mir was übriggeblieben wäre ... Servulus, da kommt wieder einer ... Eine einzige schäbige Münze für einen armen, blinden Jungen!"
Wieder heulte die Bettlerschar. Servulus hob sein Buch und hielt es mit ausgestreckten Armen. ~Mein Herr, habt Ihr ein wenig Zeit für mich? Herr, könnt Ihr lesen?"
Der Mann im dunklen Soldatenmantel blieb vor Servulus stehen. "Ich kann lesen. Warum?"
"Dann bitte ich Euch herzlich, lest mir aus diesem Buch ein wenig vor!"
Der Mann nahm das Buch, erkannte die Heilige Schrift, blätterte und fragte: "Was willst du denn hören?"
"Ihr habt die Stelle gerade aufgeschlagen", sagte Servulus. "Dort, wo das kleine rote Bändchen steckt. Es ist die Weihnachtsgeschichte, lieber Herr. "
Der Soldat räusperte sich, die Bettler verstummten. Staunend sahen sie auf den alten Mann, der sich zum Hören bereitete. Es war, als lausche Servulus mit allen Poren seines Leibes.
Und der Soldat las vor: "In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Diese Eintragung war die erste und geschah, als Quirinus Statthalter von Syrien war. Da begab sich jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So ging auch Josef von der Stadt Nazareth in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt, um sich mit Maria, seiner Vermählten, die ein Kind erwartete, eintragen zu lassen. Als sie dort waren, kam für sie die Zeit der Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen, wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe' weil in der Herberge kein Platz für sie war.
"Kein Platz!" rief Servulus, und er packte Markus so fest an der Schulter, dass der Junge erschrak. "Kein Platz für sie in der Herberge! Verschwindet von hier, haben sie zu Josef und Maria gesagt. Seht ihr nicht, dass alles besetzt ist? Und sie hat doch das Jesuskind erwartet, und vielleicht hat sie Angst gehabt. Viele Frauen haben Angst vor der Geburt, nicht wahr, Herr?"
"Das weiß ich nicht", sagte der Soldat.
"Meint Ihr, wenn die Leute g e w u ß t hätten, dass das Jesuskind geboren werden sollte, der Heiland, der Erlöser der Welt - wenn sie es gewusst hätten, wäre dann Platz in der Her- berge gewesen?" fragte Servulus.
Der Soldat zuckte die Schultern.
"Später haben sie es gewusst und ihn ans Kreuz genagelt", sagte er und gab dem alten Bettler das Buch zurück.
"Es ist ein Geheimnis, ein großes Geheimnis", flüsterte Servulus. "Ich danke Euch, mein Herr, dass Ihr mir vorgelesen habt."
Der Soldat hob die Hand und grüßte, dann ging er über den Platz vor der Basilika und verschwand in einer Seitengasse. Markus lauschte den Schritten nach. "Sonderbar, gerade der liest dir vor, auf den hätte ich nicht gewettet", sagte er undeutlich, während er sich Brot und Käse in den Mund stopfte.
Servulus streichelte das Buch, als sei es etwas Lebendiges. "In eine Krippe, Markus, kannst du dir das vorstellen? Bei den Tieren - den kleinen Gottessohn."
"Ich wäre gern bei Tieren", sagte Markus.
"Aber ein Neugeborenes! Hast du schon einmal ein Neugeborenes gesehen? Wie winzig und hilflos das ist? Ganz und gar schutzlos! Und so kommt Gottes Sohn zu den Menschen, ohne Pracht und Herrlichkeit."
"Alter Servulus, reg dich nicht auf!" sagte Markus und kaute an der Rinde. "Du regst dich furchtbar auf. So, als würdest du diese alte Geschichte zum ersten Mal hören. "
"Jedes Mal, wenn ich sie höre, ist es für mich wie das erste Mal", sagte Servulus. "Als würde es jetzt - jetzt - gerade geschehen sein, so neu, so wunderbar, es wirft einen um. Aus der Herrlichkeit des Himmels - so herrlich, wie wir es gar nicht ausdenken können - herunter auf unsere armselige Welt, in einen Stall. Und dann die Hirten - das steht später, weißt du, wie die Hirten von den Engeln geweckt worden sind! Wenn nur einer käme, den ich anbetteln könnte, dass er mir's vorliest ... Und dann die heiligen drei Könige, das ist auch so wunderschön, wie die dem Stern nachgehen. Einfach einem Stern nachgehen, weil sie hoffen, das Jesuskind zu finden. Markus, stell dir doch vor - 
"Ich stell's mir ja vor", murmelte Markus.
"Die weisen Könige verlassen ihr Land und ihre Burgen und Stadtmauern und ziehen durch Wüsten und Einöden. Und vertrauen nur einem Stern und ihrer Hoffnung - das ist auch ein Geheimnis, das ich gern begreifen möchte - Markus legte dem Alten die Hand auf den Arm. "Pst, lass
mich hören." Er lauschte, dann sagte er ängstlich: "Servulus, ich höre den Capo kommen."
"Wen?" fragte Servulus.
"Den Capo unserer Bande, er macht seine Runde, um seine Leute zu überwachen."
Servulus blickte sich um. "Mein Junge, wo kommt er - vielleicht kann er lesen?"
"Oh, sei doch still", flüsterte Markus. "Lass mich nur machen, ich rede uns heraus."
Nun hörte auch Servulus die Schritte nahen, und dazwischen klang es wie Metall, wie wenn ein Stock mit Eisenspitze auf das Pflaster gestoßen wird. Schweigen umfing die kleine Gruppe der Bettler. Stumm sahen sie dem Mann entgegen, den sie alle fürchteten.
Der Capo ging geradewegs auf Servulus zu. "Wer bist du?"
"Er meint dich, Servulus -"‚ flüsterte Markus.
"Ein armer Mann", sagte Servulus und hielt dem Capo das Buch hin. "Lieber Herr, könnt Ihr lesen?".
"Markus", sagte der Capo. "Wer ist der Alte neben dir?"
"Einer, der nicht um Geld bettelt, Capo", antwortete Markus. "Er nimmt unseren Leuten nichts weg."
"So. Worum bettelt er denn?"
"Du hörst's doch", sagte Markus und grinste. "Er bettelt um Minuten!"
"Schenkt mir ein wenig von Eurer Zeit, Herr!" flehte Servulus. "Lest mir ein paar Zeilen aus diesem Buch, der liebe Gott möge es Euch lohnen!".
Der Capo beugte sich zu Markus und schüttelte ihn grob. "Ein Verrückter, der den besten Platz einnimmt - Bursche, warum hast du mir das nicht gemeldet?"
Markus wand sich.
"Ich dachte, es wäre dir recht. Ein armer gelähmter Großvater, für den ich armer kleiner Junge sorgen muss, so was zieht, Capo. Am Abend wirst du's sehen."
Der Capo ließ Markus los. "Wenn nicht - Junge, dann weißt du, was dir blüht."
Markus schielte unter der schwarzen Augenbinde hervor. Auf einmal war er wieder mutig. Denn er sah, wie die Männer der Stadtwache über den Platz marschierten.
"Kein Aufsehen, Capo", murmelte er. "Stadtwache." "Wo? "
"Hinter deinem Rücken. Sie kommen gerade auf uns zu."
Der Capo griff nach dem Buch, das Servulus noch immer hoch- hielt. "Hier, lieber Herr, diese Stelle lest mir bitte vor!"
Der Capo begann mit Hast und Widerwillen: "In dieser Stunde lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. Da trat der Engel des Herrn zu ihnen, und der Glanz des Herrn umstrahlte sie. Der Engel sprach: Siehe - hm' nein, er sprach: Fürchtet euch nicht, denn ich verkünde euch eine große Freude. Heute ist euch der Retter geboren - Markus! Ist die Wache vorüber?"
"Der Anführer steht sieben Schritte hinter dir und hört dir zu", sagte Markus.
"Also, dann weiter: Und plötzlich war bei dem Engel eine große himmlische Schar. Sie lobte Gott und sprach: Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden den Menschen seiner Gnade - Schaut er immer noch her?"
"Ja", sagte Markus. "Geht jetzt in die Kirche hinein, Capo, und beim Seiteneingang neben der Sakristei in die Gasse der Seiler." 
Dann rief er laut: "Danke vielmals, edler Herr, vergelt's Gott, guter Herr!"
Servulus hob seine friedlichen Augen zu dem Mann.
"Ihr habt mir die schönste Stelle vorgelesen, Herr! "
"Alter Narr", zischte der Capo und warf Servulus das Buch in den Schoß. "Wehe, wenn ich dich morgen früh hier wiederfinde. Das ist unser Revier."
Er eilte in die Kirche. Markus grinste. Die Stadtwache war weitergegangen.
"Wovor hat euer Capo Angst?" fragte Servulus.
"Sie suchen ihn", sagte Markus. "Straßenschlachten zwischen Bettlerbanden, Diebstahl, Totschlag, Plünderung eines Getreideschiffes. Die Capos sind große Herren, und wir müssen ihnen gehorchen. Nur vor den Soldaten der Stadtwache haben sie Angst. Aber manchmal sind auch die bestochen."
"Er hat dir gedroht", flüsterte Servulus. "Und ich bin schuld daran - "Er droht jedem", sagte Markus. "Aber er hat mir vorgelesen . . Markus lachte. "Mit so einer Wut im Bauch habe ich noch keinen lesen gehört! Das hab ich ihm vergönnt, ha! Kommt die Stadtwache im rechten Augenblick, und er muss fromme Geschichten lesen!" Markus lachte aus vollem Hals, und die anderen Bettler lachten mit.
"Aber nicht wahr, Markus, die Worte sind schön geblieben", sagte Servulus. "Schön trotz der Wut, mit der er sie gelesen hat. Das hat den Worten nichts getan. Friede den Menschen auf Erden. Friede den Menschen seiner Gnade. Gott liebt die Menschen, Markus, das ist das größte Geheimnis.
"Alter Servulus, du machst dir Gedanken! Das ist viel zu schwer für mich", sagte Markus und rückte noch ein Stück näher auf der Pferdedecke. "Es wird kalt, Servulus! Schau, es schneit! "
Der Wind trieb dicke Flocken über den Platz vor der Basilika. Bald waren die Straßen von einer dichten Schicht bedeckt. Es schneite sehr stark an diesem Dezembertag, ungewöhnlich stark für Rom. Der Schnee bedeckte die verwüsteten Gärten der toten Kaiser, die verfallenen Tempel, Triumphbögen und Siegesdenkmäler. Er bedeckte die alten Götterfiguren und die Standbilder der Heiligen.
Der Schnee schluckte allen Lärm: das Kreischen der Wagenräder, das Schreien der Esel, das Peitschenknallen. Es war sehr still in Rom an diesem Dezembertag.
Ein Bettler nach dem anderen gab seinen Platz in der Vorhalle der Clemens-Basilika auf. Sie packten ihre Decken zusammen, zählten die Münzen, die sie bekommen hatten, stopften den letzten Bissen Brot in den Mund und verschwanden still und grau in den schmalen Gassen.
"Servulus, alter Dickkopf", sagte Markus. "Merkst du nicht, dass wir die einzigen sind, die hier geblieben sind? Heute bleibt keiner mehr bei uns stehen." Er nahm den schwarzen Fetzen und die falsche Kruste von seinen Augen. "Feierabend."
"Aber die Abendmesse", sagte Servulus.
"Bis zum Abend sitzt du in einer Schneewechte, Servulus, wenn du da hocken bleibst. Ich geh zu deinem Nachbarn und sag ihm, er soll dich holen."
"Den triffst du jetzt nicht an", sagte Servulus. ~Aber das macht nichts, mein Junge, mir ist gar nicht kalt. Im Gegenteil, Markus. Ich hab ein schönes warmes Gefühl."
Markus sprang zwischen den Säulen umher und schlug sich mit den Fäusten auf den Leib.
"Ein schönes warmes Gefühl ist gefährlich, Servulus! Sie sagen, bevor man erfriert, wird einem ganz warm. Du musst dir Bewegung machen mit den Armen, schau, so! Oh, meine Zehen sind nur noch Eiszapfen! Ich muss hüpfen . .. hüpfen..."
Servulus wickelte sich enger in die Pferdedecke.
"Markus, geh heim. Nimm diese Münzen, die ich bekommen habe, und diesen Fisch hier, und den Käse und das Brot."
Markus hielt inne und starrte den Alten an.
"Nein", sagte er.
"Es ist dein Lohn dafür, dass du mich hier sitzen ließest!"
"Ich will ihn nicht", rief Markus.
Servulus lächelte. Mich bin nicht hungrig, mein Kind. Du kannst es ruhig nehmen."
Markus trat einen Schritt näher.
"Gut. Die Hälfte -"
"Alles", sagte Servulus. "Iß es auf. Und wenn du satt bist, und wenn du etwas übrig hast - "Servulus", flüsterte der kleine Betteljunge.
"Den Fischkopf wird er sicher mögen, der wilde Hund mit dem zerzausten Fell. Und morgen -"‚ sagte Servulus, "morgen früh sagst du mir, ob du ihn gestreichelt hast."
Da schaute Markus den alten Mann nicht mehr an. Er schaute den Fisch an, und er schaute das Brot an. Er riss die Stücke an sich, er keuchte vor Aufregung, er wickelte den Fisch und das Brot und den Käse in das schwarze Tuch. Dann lief er so schnell er konnte durch die stille verschneite Stadt. Der alte Bettler aber blieb - bei seiner Säule sitzen und wartete und wartete.
Wenn ich doch lesen könnte, dachte Servulus.
Oder wenn ich mir die Geschichten besser merken könnte. Alter dummer Kopf!
Leise sprach er Marias Jubellied vor sich hin: "Sieh, nun preisen mich selig alle Geschlechter. Der Mächtige hat Großes an mir getan. Sein Name ist heilig. Er stürzt die Mächtigen von den Thronen und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben. Die Reichen lässt er leer ausgehen .
Er schrak auf. War er eingeschlafen? Er durfte nicht einschlafen.
Aber er war sehr müde. Bis zur Abendmesse war noch lange Zeit. Er wollte doch ein wenig schlafen unter seiner Pferdedecke. Die Pferdedecke hielt ihn warm.
Ihm war sehr warm und wohl.
Schritte?
Er hob den Kopf, ganz langsam.
Kam eine Frau auf ihn zu?
"Liebe Dame", hörte er sich sagen. "Schenkt mir ein wenig von Eurer Zeit."
Sie war jetzt ganz nahe bei ihm.
"Nur ein paar Zeilen vorlesen, liebe Dame. Wenn Ihr so gut sein wollt. Ihr könnt doch lesen?
Und der Herr, kann er auch lesen? Lieber Herr, könnt Ihr lesen? Die Weihnachtsgeschichte, bitte vielmals.
Erzählen? ... Ja, liebe Dame, wenn Ihr es mir lieber erzählen wollt? Kennt Ihr die Geschichte so gut? Ihr auch, Herr?
Ja, die Herberge war schon besetzt. Bis auf den letzten Platz. Nicht so kalt wie heute.
Im Stall - im Stall war es warm.
Ich habe meinen Sohn in Windeln gewickelt und in eine Krippe gelegt.
Ich möchte es so gerne sehen, Euer Kind. Ich habe Sehnsucht nach Eurem Kind.
Ich führe dich zu ihm, Servulus.
O ja, bitte, wenn das möglich wäre - wenn Ihr mich hinführen wollt - Ich bin aber gelähmt.
Steh nur auf, Servulus.
Aufstehen, ich - Aber ich will es versuchen. O ja, es geht. Es geht ganz leicht."


Als Markus am nächsten Morgen zur Kirche kam, war der
Platz an der ersten Säule leer. Bei der zweiten Säule saß Pauline.
Sie hielt ihr Kind im Schoß.
"Pauline, he, Pauline!" rief Markus. "Weißt du was von Servulus?"
"Meinst du den alten Verrückten mit seinem Buch?" fragte Pauline. "Der kommt nimmermehr. Den hat der Nachbar gestern Abend noch geholt. Aber da war es schon zu spät. Er hat nimmer aufwachen wollen. "
"Nimmer aufwachen?" fragte Markus.
"Er ist erfroren, wenn du das besser verstehst", sagte Pauline. Markus glitt an der Säule nieder, machte sich ganz klein, versteckte sein Gesicht in den Händen.
"Markus? He, Markus, du Schlingel, unsereiner weint doch nicht!"
"Er war nicht verrückt", flüsterte Markus. "Ein Verrückter versteht einen doch nicht. Aber er hat mich verstanden. Und die Sache mit dem Hund - die hat er auch verstanden."
"Hund? Mit welchem Hund?" fragte Pauline.
"Ach, da hab ich einen Hund gefunden gestern Nachmittag. Der hat sich streicheln lassen. Und das hätte ich dem Servulus so gern erzählt."
"Du bist auch ganz schön verrückt", murmelte Pauline. Und sie schüttelte den Kopf, als der kleine Betteljunge aufstand und das Tor zur Kirche öffnete.

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Ideenbörse, Weihnachtsgeschichten 

von Jürgen Schultz 

16. Dezember 2001

De Plastiggsack us em Elfitram 

von Christoph Hürlimann 

  (von Jürgen Schultz holprig ins Schweizerdeutsche übersetzt)

Am Hegibachplatz z´Züri isch d Lina Huber is Elfitram iigstiege. Am Heilige Abig isch sie gwöhnli zu ihre Tochter und ihre Familie a de Enzebühlstrass gfahre. D´Jeanette hät da mit ihrem Maa, em Dölf Weber und de drü Chinde gewohnt. Die sind so zwüschet  12 und 16 Jahr alt gsi. Sie händ d Grossmuetter vo de Hammerstrass gern gha und sich uf ihri Besuech gefreut.

Uf em Tramsitz nebet de Frau Hueber isch en grosse Jelmoli-Plasticksack gelege. Da drin ine sind d Wiehnachtsgschenk gsi, und für die hät sich d´Lina Huber sich öppis Bsundrigs uusdenkt:

Für jedes vo de Familie Weber hät sie es paar Socke gelismet gha. Wenn mer s Päckli uufgmacht hät, hät me zerscht nume d Socke gsee. Im Socke inne isch aber denn es Nöötli versteckt gsi. Für Jeanette und de Dölf isch es e Hunderternote gsi, für Rosette, d Pia und de Marc e 50gernote. Lina Hueber hät sich scho uf die enttüschte Gsichter gfreut, wenn denn bim Uuspacke zerscht nume d Socke fürecho wäret.

So isch d Lina Huber i Gedanke versunke gsi, wo s Elfi hinter de  Burgwies s letztschti Schtuck gno hät. "Balgrischt" hät sie garnöd ghört und erscht, wos "Enzebühl" gheisse hät, isch Frau Hueber uufgschosse. Sie isch die Letzschti im Tram gsi, die Türe isch uufgange, und d Lina Hueber isch uusgstiege.

D´ Lina Hueber isch d Enzebühlstrass abegange mit sichere und energische Schritt. Und wo sie vors Huus chunnt, isch  ihre plötzlich öppis schreklichs in Sinn cho: Sie hät de Plasticksack nöd bii sich gha. Hätt sie ihn ächt deheime vergässe? Sie sich sicher gsi: Wo si a de Hammerstrass d Türe zugmacht hät, hät sie Handtäsche und Plasticksack gha. Aber bald isch es ihr wie en Blitz dur de Chopf:  Im Tram, natürlich im Tram hät sie de Sack vergesse. Sie hät sich draa erinneret, wie sie bim Enzebühl hät müesse pressiere. Oh, der chunnt nümmer zrugg, süüfzget sie-  mit 350.- Franken! D´ Lina Hueber hät an die ganzi Arbet denkt vo dene feuf paar Socke...Mit schwere Schritt isch sie d Stäge ufegange.

"Adolf Weber-Huber" nebet de Wohnigstüre gschtande im erschte Schtock.

De Tramwageführer, OSKAR GÄMPERLI, hät au das Jahr a de Wiehnacht müesse go schaffe. Ohni Familie isch er gsi, und d Fäschttäg händ ihm eineweäg Müeh gmacht; drum hät er sich freiwillig für d  Wienacht la iiteile. Sin Iisatz isch aber denn fertig gsi. Zerscht hät er sin Kontrollgang dur die vordere Wäge vom Tramzug gmacht. A dem Tag häts nöd gschneit und nöd geregnet gha; drum hät mer nöd mit vergessene Schirm müesse rächne. Au susch häts bi so wenig Fahrgäscht keine Fundgegeständ gha. Plötzlich hät aber gliech öppis entdeckt: En rot-blau-wiesse Sack!

Janu, hät er vor sich anbrummlet, der cha sie ebe nach de Fiertig im Fundbüro vo de VBZ abhole; die isch ja selber schuld......Aber won er so dur de Reschte vom Wage gaht, hät er plötzlich i de Sack gelueget: Auf jedem Päckli  isch e Charte mit de Uufschrift:"Fröhliche Wiehnacht" gsi. Drunter isch uf enere Charte geschstande: "De liebe Jeanette", uf enene Anderen: "Em liebe Mark". Uf enere Dritte"De liebe Pia, uf enere vierte: "Em liebe Dölf", uf enere feufte "De liebe Rosette". Ach, das bringt au nüd, denkt de Oskar Gämperli, wo sich a d Wienachtsfiere vo sinere Kindheit erinneret und jetzt in Gedanke e trurige Familie vor em Wiehnachtsbaum gseet. Und ufs Mal  hät er entdeckt, dass oben am Sack en aagmacht gsi isch; uf dem isch gschtande: Fam. Weber. De Gämperli isch sich wie nen Dedektiv vorcho........Die Frau isch also unterwegs gsi zu enere Familie Weber, wo de Vater entweder Adolf oder Mark hät müesse heisse.

Ohni z zögere isch er us sim Führerschtand use und i die nöchschti Telephonkabine und hät tatsächlich ....en Adolf Weber a de Enzebühlstrass 12 gefunde.  De Gämperli hät sich gsait: Der Sack bring ich selber vorbii... Denn hät er no sis Tram is Depot vo de Burgwies bracht und de Nachtschicht vom Elfer übergäh, isch wieder zrugggfahre ad Rehalp. Und ganz munter isch er uusgestiege.

D´ Webers sind um de Wiehnachtsbaum umegsesse, und alle händ de Grosmuetter guet zuegredt:

"D Geschenk sind doch nöd d Hauptsach a de Wienacht"..."Viellicht hät d Socke öpper gfunde, wo sie nötiger gha hät wie dr mir.....Schön, dass Du bin eus bisch und mit eus fieresch.

D Lina Hueber isch froh gsi über all die Wort...Aber so schnell hät sie sich au nöd chönne demit abfinden. Sie hät scho gwüsst, dass Besitz ellei nöd glücklich macht, ehner so en Art Vertraue- uf Gott. Sie hätt au hört, dass d Wiehnacht grad die Mänsche beschenkt, wo üsserlich und innerlich arm draa sind, und sie häts glaubt. Drum hät sie sich gsait: Ich dörf mich nöd eso ärgere und de anderi d Stimmig verderbe.

Plötzlich häts a de Huustüre glüte. D Familie Weber hät sofort uufghört singe. De Mark isch as Fenschter und rüeft: Wer isch da?  Vo unte häts tönt:

Oskar Gämperli, VBZ, ich han öppis abzugä. De Dölf druckt uf der Türöffner und die ganzi Familie hät sich bi de Wohnigstüre besammlet.

Da isch en Maa i VBZ-Uniform vor ihne geschtande, ide rechte Hand e rot-wiis-blaue Sack.

"Gämperli, Oskar Gämperli, grüezi, die Sache da sind im Elfitram gfunde worde....."

Das sind ja mini Wienachtsgeschenk, rüft d Lina Huber überglücklich. Em Oskar Gämperli sind  schier d Träne cho. Und wil ihm das piinlich gsi isch, hät er gschwind gsait: Also adie mitenand und schöni Wienacht....

De Dölf hät nöd emal Gelegeheit gha, nach emene Finderlohn z fröge.

S Gämperlis händ noemal aagfange, "O Du fröhliche" z singe und händ gschpürt, dass em Gämperli sis Erschiene irgendd öppis mit Wienacht z tue hät....D Lina Huber isch froh gsi, dass sie nume vo de Socke und nöd vo de Nötli verzellt hät. Drum hät sie sich chönne freue....no emal:

Zerscht über die liecht enttüschte und denn die überraschte Gsichter bim Uuspacke.

Im nöchschte Oktober hät de Gottfried Studer d Iisatzplän vo de VBZ für die nächschte Fiiertig gmacht. Am Heilige Abig häts no e Lucki gha. Und er de Oskar Gämperli i d Lucke ine gschriebe, hät de Iisatzplan uusdruckt und ihn i d Fächli vo de Tramwagenführer verteilt.

Am glieche Abig hät er i sim Fächli e Notiz gha. Liebe Göpf, das Jahr kann ich de Heilig Abig nöd übernä. Ich bi bi enere Familie iiglade.... Gruess, Oski!

De Göpf Studer schüttlet sin Chopf. Wer au ladet de kauzig Gämperli a de Wienacht ii?

Aber ich mags em ja gunne. Härti Schale, weiche Chern, und de Gottfried Schtuder hät en andri Lösung für de Heilig Abig gsuecht. -

Ob er ächt uf d Schiene vo de VBZ wieder en Wiehnachtsängel gschickt hät?

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Ideenbörse, Weihnachtsgeschichten 

Werner Schneebeli 

18. Dezember 2001

Ein Lied von Andrew Bond dazu: En leere Stall 

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Notenblatt 

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Song: Downloads/10 En leere Stall.mp3

Weihnachten verdauen oder der Unterschied zwischen einer Playstation 2 und der Krippe 

von Werner Schneebeli Dezember 2001 

Draussen blähst ein bissig kalter Wind und wirbelt den frischen Neuschnee wild über die Hochebene. Von der kleinen eingeschneiten Alphütte ist nur noch ein kleiner Giebel sichtbar. Zu dieser Jahreszeit steht sie gewöhnlich allein und verlassen da, eingehüllt in einen dicken Mantel von Schnee. Heute aber steigt Rauch auf, aus dem freigeschaufelten Kamin. Guschti Suter, ein Knecht aus dem ersten Bergdorf unten im Tal, hat Schutz vor dem Schneesturm gesucht. Zwei Schafe und ein Rind wurden nach dem Verlassen der Alp im Herbst vermisst und bis heute noch nicht gefunden. Guschti hat ein Herz für Tiere. Er will nicht, dass die Schafe und das Rind über die Weihnachtszeit hier oben in den Bergen erfrieren. Zudem liebt er von Zeit zu Zeit die Einsamkeit. Er ist froh, wenn er einen Grund findet, um dem Gerangel und Gerummel um die Weihnachtstage aus dem Weg zu gehen. Nicht dass ihm die Weihnachtsgeschichte nichts sagen würde. Immer wieder stellt er sich vor, wie die Hirten damals Augen machten, als ihnen der Engel verkündete: ‚Fürchtet euch nicht, ich bringe euch eine gute Nachricht.' "Was könnte ein Engel den anderes bringen, als eine frohe Botschaft", fragt sich Guschti. Er kann sich keinen Engel vorstellen, der keine gute Botschaft bringt. Engel sind doch Boten Gottes und Gott ist gut. Davon ist Guschti felsenfest überzeugt. "Die Knechte und Hirten waren die Ersten, denen Gott mitteilen liess, dass der Heiland in Bethlehem in einem Stall geboren wurde", denkt sich Guschti. "Und der kleine Jesus teilte sich den Schlafplatz mit Schafen, Esel und Ochs. Wie ich heute am Weihnachtsabend. Hier in der Hütte, allein mit meiner Flo und mit Kati." Flo, eigentlich Flora, ist seine treue Hündin, die ihn mit ihrem Scharfsinn auf allen Wegen begleitet. Sie liegt nahe am Feuer eingerollt, müde vom langen Tag. Kati ist das Leitschaf seiner Herde. Ihre unbändige Kraft und ihr feiner Spürsinn für alle möglichen Gefahren in den Bergen sind für Guschti von grossem Nutzen. Sie liegt im vorderen Raum der Hütte, im eigentlichen Stall, im Stroh und Kaut genüsslich das bereitgelegte Heu.
Guschti selbst schneidet sich ein wenig vom letzten Stück Käse ab. Sein Proviant geht bald zuneige. Morgen wird er die weitere Suche abbrechen und ins Tal zurückkehren müssen. "Unten werden sie jetzt Gottesdienst feiern. Den Christbaum in der Kirche bewundern und dem Pfarrer zuhören, der wie jedes Jahr die Weihnachtsgeschichte vorliest. Und dann zuhause mit der Familie zusammensitzen und ein Festessen geniessen, Weihnachtslieder singen und Geschenke auspacken, ‚Danke' sagen und ‚Bitte gern geschehen' antworten." Ihm ist aber hier in der Hütte wohl. "Weihnachten, wie damals. Ob auch dieser Stall etwas von Weihnachten weiss?" fragt sich Guschti, beisst sich ein Stück hartes Brot ab und geniesst den Käse. Dazu hat er sich einen heissen Tee gebraut. Er ist zufrieden mit sich und der Welt. Er hat alles, was er für den Augenblick zum Leben und zum Glück braucht. 
Flo immer noch eingerollt, hebt den Kopf und spitzt die Ohren. Sie kann wohl unterscheiden, welche Geräusche von Wind und Schnee verursacht werden und welche nicht. Bevor Guschti etwas merkt rennt sie bellend und knurrend zur Tür. "Still Flo," ruft Guschti, "es ist ja schon fast Dunkel, um diese Zeit wird niemand mehr diese verlassene Hütte aufsuchen." Flo aber bleibt bei ihrer Meinung und jetzt hört es auch Guschti. Jemand klopft an die Tür. Nun geht auch Guschti zur Tür, schiebt den grossen eisernen Riegel auf, hält seine wild bellende Hündin um den Hals fest und öffnet die Tür. Eine weisse Gestalt mit Schneeschuhen und einem Brett in der Hand tritt ein und schüttelt sich den Schnee aus Kappe, Jacke und Hosen. Mit ihm kommt auch ein Schwall eisige Kälte in die Hütte. "Beisst er?" fragt der Schneejunge vorsichtig. "Wenn du böses im Sinn hast schon," gibt Guschti, immer noch Flo haltend, zurück. "Ich hab mich verirrt in diesem Schneegestöber. Wollte ein wenig Tiefschneefahren und plötzlich wusste ich nicht mehr, wo ich bin. Zum Glück habe ich diese Hütte gefunden, da draussen hätte ich die Nacht nicht überlebt." Guschti ist sich nicht sicher, ob das für ihn auch Glück ist. Suchte er doch die Einsamkeit. Flo hat den Fremdling nun ausgiebig beschnuppert und nicht als Gefahr eingestuft. "Zieh deine Nassen Sachen aus, dort über dem Ofen kannst du sie aufhängen. Tee, Brot und etwas Käse hab ich auch noch." Kaum gesagt, fragt sich Guschti, wieso er so freigiebig mit dem Wenigen umgeht, das er hat. Aber das ist halt seine Art. Er ist sich gewohnt zu teilen.
10 Minuten später sitzen beide am kleinen Holztisch, vor sich den Resten vom Brot und Käse, zwei Farmerstengel und ein Mars, konnte der junge Mann noch beisteuern. "Leichtsinnig, bei diesen Wetterbedingungen allein in die Berge zu wandern. Ich heisse übrigens Guschti und das ist Flo, meine treuste Begleiterin." "Peter, danke. Du hast recht. Es ist wohl der Leichtsinn der Jugend. Wird mir eine Lehre sein. Du bist aber auch allein in den Bergen." "Nicht allein, ich habe Flo, die Spürnase und Kati, das Leitschaf. Sie warnt mich vor Gefahren. Zudem kenn ich mich in den Bergen aus und hab schon so manche Erfahrung gemacht. Du kannst deinem Schutzengel danke sagen, das du noch lebst." "Schutzengel," Peter lächelt, "du glaubst doch nicht etwa noch an Engel. Ich hab einfach Glück gehabt." "Dann ist dieses Glück dein Engel," gibt Guschti unbeirrt zur Antwort. Guschti, der keine Lust auf dummes Geschwätz hat, nimmt eine angefangene Schnitzerei zur Hand und setzt seine Geduldsarbeit fort, es soll ein Engel werden. Nicht irgendein Engel, vielmehr der Engel, der damals den Hirten verkündete: ‚Euch ist heute der Heiland geboren.' Peter kaut am harten Brot und dem rindenharten Bergkäse. Langsam nimmt er den Geruch von Stall wahr und alles kommt ihm reichlich fremd vor. 
Noch nach Jahren wird sich Peter fragen, ob er die folgenden Ereignisse geträumt oder ob es sich tatsächlich so ereignet hat. 
Ein Licht bricht durch die schwach erleuchtete Hütte und setzt alles in ein gleissendes Licht. Dennoch können die zwei überraschten Männer in die Quelle des Lichts blicken, ohne geblendet zu werden. "Fürchtet euch nicht," hört Peter eine Stimme, ohne zu wissen, ob die Quelle des Schalls ausserhalb von ihm oder in ihm drin zu lokalisieren ist. Er blickt zu Guschti, dem Knecht, dieser scheint alles auch wahrzunehmen. Mit offenem Mund starrt auch er dem Licht entgegen. "Heute, ist euch Heil wiederfahren. Am Geburtstag des Heilands wird dieses Heil an allen Orten verkündet, die mit dem Stall in Bethlehem verbunden sind. Ihr habt einen Wunsch frei." "Playstation 2", schiesst es Peter durch den Kopf und schon liegt eine neue Playstation vor ihm auf dem kleinen Holztisch. "Spinn ich?" fragt sich Peter, "was soll ich hier mit einer Spielkonsole ohne TV und ohne elektrischem Strom?" Auch Guschti schaut entgeistert auf das kuriose Gerät vor sich. "Was ist das?" fragt er ungläubig indem er Peter mit grossen Augen anschaut. "Sorry," sagt Peter, "das ist ein Gerät zum Spielen. Scheint die Erfüllung meines Wunsches zu sein." "Und was fangen wir damit an?" fragt Guschti. "Das ist ja das Problem. Hier oben hätten wir ganz andere Dinge nötig. Ich hätte mich vor dem Wünschen fragen sollen, was ich wirklich nötig habe." "Was wir nötig haben", präzisiert ihn Guschti. "Engel! Kannst du dieses Geschenk zurücknehmen? Wir können hier mit diesem Gerät nichts anfangen." "Einverstanden, ich nehme das Geschenk zurück", hört Peter die Stimme wieder, "und nun zum zweiten Mal: Ihr habt einen Wunsch frei." Peter versucht sich zu fragen, was er sich hier wünschen könnte und bevor er richtig Denken kann saust ihm ein MP3-Player durch den Kopf und landet behutsam auf dem Tisch. "Darf ich vielleicht auch einmal mitwünschen? Oder glaubst du, dass du dieses Gerät nötig hast, um glücklich zu werden?" "Sorry, ich bin wohl ein bisschen wohlstandskrank. Ich schenk ihn dir," antwortet Peter, der sich allmählich einwenig dumm vorkommt, "oder vielleicht gibt uns der Engel eine dritte Chance?" "Ich frag ihn," sagt Guschti, "und du versuchst an etwas zu denken, das dein Herz wirklich mit Glück füllen kann. "Lieber Engel," beginnt Guschti, "du bist wirklich gütig, aber leider ist auch der zweite Wunsch am wirklichen Leben vorbei gegangen. Gib uns bitte noch eine dritte Chance." "Ich gebe sie euch," ertönt wieder die Stimme, "ihr habt einen Wunsch frei." Peter sucht in seinem Innern nach dem Glück. Seine Erinnerung führt ihn in die Kindheit und an ein Weihnachtsfest. Er sieht sich vor der Krippe stehen, die er mit der Mutter aufgestellt hat. Er betrachtet die Esel, Schafe, Ochsen und bestaunt die Könige mit ihren Pferden und Kamelen. Er freut sich an den verstrubbelten Hirten und sein Blick wandert zu Maria und Josef und zur Krippe, in dem das Jesuskind liegt. Wärme durchströmt sein Inneres. "Dies ist der Heiland. Der Erlöser und Retter der Welt. Er wird mich und allen andern Menschen den Frieden lehren." 
Während dieser Gedankenreise muss er eingeschlafen sein, denn am Morgen, weckt ihn das Geräusch von knisterndem Holz, das frisch in den Ofen geschoben worden ist. Guschti hat das Feuer entfacht und braut bereits heisses Wasser für einen weckenden Kaffee. "Wo ist der Wunsch?" fragt sich Peter, er wagt es noch nicht, sich aus der warmen Wolldecke zu rollen, denn im Stall ist es noch bissig kalt. Da sieht er auf dem Küchenkasten eine Krippe stehen. Wärme durchströmt sein Inneres, er steht auf geht zur Krippe hin und betrachtet die vielen Figuren, Esel, Schafe, Ochsen, Hirten und Könige und in der Mitte Maria, Josef und das Kind. Alle Figuren und selbst der Stall sind aus Brot und Käse gemacht. "Frohe Weihnachten", wünscht Guschti dem staunenden Peter. Diesem hat es die Sprache verschlagen. Mit dem Finger zeigt er auf die Krippenlandschaft und schaut Guschti fragend an. "Unser Weihnachtswunsch, schön nicht?" "Und der Engel?" fragt Peter? "Engel? Hast du nicht gesagt, du glaubst nicht an Engel? Komm, der Kaffee ist bereit und nimm einwenig Stall und einige Figuren mit." "Du willst diesen Weihnachtsstall doch nicht etwa essen!" empört sich Peter. "Was den sonst. Das wirkliche Glück lässt sich nie aufbewahren. Geniess es, wenn es da ist. Das ist wie mit den Engeln. Nur so wird es in deiner Erinnerung zu einem unvergesslichen Schatz." "Und das Jesuskind?" fragt Peter ungläubig weiter, "willst du das etwa auch essen?" "Nein, das ist für dich. Nimm ihn in dich auf und verdau diese Botschaft des Himmels, ich habe schon oft das Abendmahl genossen in der Kirche."
Draussen tobt immer noch ein Schneegestöber. Guschti und Peter verbringen zwei Tage zusammen in diesem Stall. Sie reden nicht viel. Beide nutzen die geschenkte Zeit, um über das Leben nachzusinnen. Wie noch nie an Weihnachten gelingt es ihnen, die Botschaft der Weihnachtsgeschichte mit dem Leben zu verweben. Am dritten Tag geht die Sonne über dieser tief verschneiten Landschaft auf. Guschti begleitet Peter bis zum zwar verschneiten aber durch die Markierungspfosten doch noch sichtbaren Weg ins Tal. Er selbst bleibt in den Bergen und geht auf die Suche nach den vermissten Tieren. Der Stall und die Figuren aus Brot und Käse geben ihm noch für einige Tage Nahrung und Kraft, die Begegnung mit dem Engel aber stärken seine Lebenskräfte für das ganze neue Jahr, ja noch weit darüber hinaus.

Werner Schneebeli 2001

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Ideenbörse, Weihnachtsgeschichten 

Anya Peter 

22. Dezember 2004

Gibt es das Christkind wirklich? 

erhalten von Anya Peter Dezember 2004 

"Gibt es das Christkind wirklich? Auf diese Frage wusste die achtjährige Virginia O'Hanlon aus New York keine Antwort. Vor mehr als 100 Jahren, am 20. Sept. 1897, schrieb sie deshalb an die Zeitung "New York Sun". Die Sache war Chefredakteur Francis P. Church so wichtig, dass er dem kleinen Mädchen selbst antwortete. Der Briefwechsel war bei den Lesern so beliebt, dass man ihn bis zur Einstellung der Zeitung 1950 immer zu Weihnachten auf der Titelseite abdruckte. Damit wurde er zum meistgedruckten Zeitungsartikel aller Zeiten.

"Ich bin acht Jahre alt. Einige von meinen Freunden sagen, das Christkind gibt es nicht. Papa sagt, was in der "Sun" steht ist immer wahr. Bitte sagen Sie mir die Wahrheit: Gibt es das Christkind?"
Virginia O'Hanlon, 115 West Ninety-fifth Street."

"Virginia, Deine kleinen Freunde haben Unrecht. Sie glauben nur, was sie sehen. Sie glauben, dass es nicht geben kann, was sie mit ihrem kleinen Geist nicht erfassen können. Aller Menschengeist ist klein, ob nun einem Erwachsenen oder einem Kind gehört. Im Weltall verliert er sich wie ein winziges Insekt. Solcher Ameisenverstand reicht nicht aus, die ganze Wahrheit zu erfassen und zu begreifen.

Ja, Virginia, das Christkind gibt es wirklich.
So gewiss, wie es Liebe und Großherzigkeit und Treue gibt. Weil es all das gibt, kann unser Leben schön und heiter sein. Wie dunkel wäre die Welt, wenn es kein Christkind gäbe! Es gäbe dann auch keine Virginia, keinen Glauben, keine Poesie, gar nichts, was das Leben erst erträglich machen würde. Ein Flackerrest an sichtbarem Schönen bliebe übrig. Aber das Licht der Kindheit, das die Welt ausstrahlt, müsste verlöschen.

Es gibt ein Christkind. Sonst könntest Du auch den Märchen nicht glauben. Gewiss, Du könntest Deinen Papa bitten, er solle am Heiligen Abend Leute ausschicken, das Christkind zu fangen. Und keiner von ihnen bekäme das Christkind :zu Gesicht - doch was würde das beweisen? Kein Mensch sieht es einfach so. Das beweist gar nichts. Die wichtigsten Dinge bleiben meistens unsichtbar. Die Elfen zum Beispiel, wenn sie auf den Mondwiesen tanzen. Trotzdem gibt es sie.

All die Wunder zu denken, geschweige sie zu sehen, das vermag nicht der Klügste auf der Welt. Du kannst ein Kaleidoskop aufbrechen und nach den schönen Farbfiguren suchen. Du wirst einige bunte Scherben finden, nichts weiter. Warum? Weil es einen Schleier gibt, der die wahre Welt verhüllt, einen Schleier, den nicht mal alle Gewalt auf der Welt zerreißen kann. Nur Glaube und Liebe und Poesie können ihn lüften. Dann wird die Schönheit und Herrlichkeit dahinter auf einmal zu erkennen sein. „Ist das denn auch wahr?“ kannst Du fragen.

Virginia, nichts auf der Welt ist beständiger.

Das Christkind lebt, und es wird ewig leben. Sogar in zehnmal zehntausend Jahren wird es da sein, um Kinder wie Dich und jedes offene Herz zu erfreuen."

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