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Die Reformierten
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Dolmetscher und Brückenbauer Heinrich
Bullinger
Heinrich Bullinger hat die evangelische Erneuerung im 16. Jahrhundert massgeblich mitgeprägt. Er gehörte weit über Zürich hinaus zu den einflussreichsten Persönlich-keiten der damaligen Zeit. Und hat auch im Säuliamt nachhaltige Spuren hinterlassen. Eine persönliche Würdigung und ein fiktives Interview von Pfr. Urs Boller
Es gibt keinen Menschen, den ich vorbehaltlos verehren könnte. Aber es gibt einige, die ich sehr bewundere. Zu ihnen gehört der einheimische Reformator Heinrich Bullinger. Seine Art, die Dinge anzupacken, gefällt mir. Er ist kritisch und klar in seinen Äusserungen. Konsequent in seinem Verhalten und dennoch versöhnlich im Umgang. Bullingers Richtschnur war die Bibel, die er nicht wortklauberisch auslegte, sondern sinngemäss in die damaligen Verhältnisse übertrug. In einer Zeit des Umbruchs, in der niemand mehr wusste, was eigentlich noch gilt, ist es ihm meisterhaft gelungen, den christlichen Glauben darzustellen und auf den Punkt zu bringen: Geistreich, anschaulich und verständlich auch für einfache Leute. Bullinger war ein Dolmetscher Gottes. Gewiss hatte auch er seine Schattenseiten. Den Täufern gegenüber ist er stur geblieben. Das ist wohl die Steigerung von «konsequent». Mit tragischem Ausgang. Und dennoch orientiere ich mich gern an ihm. Seine Leistung ist enorm und wurde bisher unterschätzt. Während Zwingli als eine Art Nationalheld ins Gedächtnis eingegangen ist, spielt Bullinger im Bewusstsein der Schweizer Bevölkerung nur eine Nebenrolle. Er ist selbst unter Reformierten kaum bekannt. Das könnte sich ändern im Jubiläumsjahr. Anlässlich seines 500. Geburtstags am 18. Juli dieses Jahres finden zahlreiche Veranstaltungen statt, die den einflussreichen Reformator ins Licht rücken und seine Persönlichkeit aus verschiedenster Sicht beleuchten. Das Zürcher Festkomitee hat das gesamte Jubiläumsangebot unter dem griffigen Obertitel «Der Nachfolger» zusammen-gefasst. Eine Bezeichnung, die nach meinem Empfinden den originellen und eigenständigen Kirchenmann erneut in den Schatten Zwinglis stellt. Das scheint mir etwas irreführend. Der Begriff «Nachfolger» tönt ja immer ein wenig nach zweiter Garnitur. Gerade das aber war Heinrich Bullinger nicht. Vordenker und Wegbereiter
Schon im Studium ist der junge Heinrich seinen eigenen Weg gegangen. Und bereits zwei Jahre bevor in Zürich unter dem Namen «Prophezei» eine Bibelschule eröffnet wurde, hat Bullinger in Kappel die biblischen Schriften öffentlich ausgelegt. Er war in mancher Hinsicht ein Vordenker und hat auch in seinen theologischen Schriften unverkennbar eigene Akzente gesetzt. Zum Beispiel hat er die Verbundenheit Gottes mit den Menschen stark betont. Und von daher auch die Gleichheit aller Menschen hergeleitet. Bullinger gilt in Fachkreisen als Entdecker der so genannten «Bundestheologie» und ist damit zu einem frühen Wegbereiter des modernen Bundesstaats geworden. Gewiss: Nach Zwinglis Tod hat er dessen Nachfolge am Grossmünster angetreten und die Führung der Zürcher Kirche übernommen. Aber «Nachfolger» war er nur in einem äusseren Sinn. Denn nach der enttäuschenden Niederlage in der Schlacht von Kappel im Jahr 1531 gab es nur wenig, worauf Bullinger hätte zurückgreifen können. Er musste gleichsam wieder beim Nullpunkt anfangen, der Mutlosigkeit entgegen wirken, Widerstände überwinden und die Zürcher Kirche von Grund auf neu erbauen. Während Zwingli in seiner ungestümen Art die Reformation auslöste und in Gang setzte, hat Bullinger mit seinen vielseitigen Begabungen und seinen grossen Führungsqualitäten die evangelische Erneuerung weiterge- führt, vertieft und während 44 Jahren massgeblich mitgeprägt. Sein Beitrag hat nichts Zweitrangiges an sich. Deshalb würde ich zu seiner Charakterisierung anstelle des Begriffs «Nachfolger» die beiden Stichworte «Dolmetscher und Brückenbauer» setzen. Das erste bezieht sich – wie bereits angedeutet – auf seine besondere Fähigkeit, das Evangelium kraftvoll, authentisch und zeitgemäss zur Sprache zu bringen. Das zweite Stichwort hängt eng damit zusammen: In seiner umgänglichen und kommunikativen Art ist es Bullinger in einem hohen Mass gelungen, unterschiedliche Strömungen zusammen zu bringen. Er hat einen Briefwechsel geführt, der etwa das Vierfache von Luther, Calvin oder Zwingli umfasst, und zuletzt auf 12'000 Schriftstücke angewachsen ist. Damit hat er wesentlich zur Annäherung verschiedener Standpunkte beigetragen und unter den evangelisch Gesinnten in ganz Europa eine tragfähige Brücke gebaut. Bullingers Bedeutung weist weit über Zürich hinaus. Aber sein Wirken hat in unserer Gegend angefangen. Und ich denke, dass es noch heute lohnt, bei ihm nachzufragen und nachzu- schlagen. Einige wichtige Schriften werden zwar erst im Lauf des Jubiläumsjahres in heutigem Deutsch veröffentlicht. Aber das folgende Gespräch, das auf historischen Begebenheiten und Originalzitaten beruht, mag einen Einblick in Bullingers Kappelerzeit vermitteln, wo er von 1523 bis 1529 lebte und wirkte. Interview
mit Heinrich Bullinger Boller:
Heinrich Bullinger, man sagt, dass es die glücklichsten Jahre ihres Lebens
waren, die Sie im Haus der Stille in Kappel verbracht haben. Bullinger:
Das trifft in gewissem Sinne zu. Allerdings bestand in Kappel damals noch ein
Kloster. Und von Stille war nicht immer viel zu spüren. Mein Aufenthalt fiel in
eine sehr bewegte, turbulente Zeit. Boller:
Sie waren Mönch? Bullinger:
Gott bewahre, nein! Ich habe kein Gelübde abgelegt und niemals eine Kutte
getragen. Zwar hatte ich ursprünglich die Absicht, Kartäusermönch zu werden
und bin aus diesem Grund zum Studium nach Köln gegangen. Dort habe ich die
alten Sprachen studiert, griechische und lateinische Schriftsteller gelesen und
bin über die Beschäftigung mit den Kirchenvätern den biblischen Schriften
immer näher gekommen. Und nicht zuletzt war es die Auseinandersetzung mit
Luther, die mich in meiner evangelischen Überzeugung bestärkt hat. Boller:
Wann und warum sind sie denn trotzdem ins Kloster gekommen? Bullinger:
Das war 1523, als es mit der Reformation so richtig losging. Eine heikle
Entschei- dung! Wolfgang Joner, der damalige Abt von Kappel, hat mir die Leitung
der Klosterschule angeboten. Ich habe zugesagt unter der Bedingung, dass ich mit
den Mönchsgelübden, der Messe und den Chorgebeten nichts zu tun haben will. Boller:
Und das ist gut gegangen? Bullinger:
Abt Joner war ein aufgeschlossener Mann und auch die Mönche zeigten sich offen
für die biblische Erneuerung. So habe ich jeweils am Nachmittag die Schüler in
Latein unterrichtet und am Morgen vor
Studenten und Mönchen, Bediensteten und Leuten aus der ganzen Umgebung die
Schriften des Neuen Testamentes ausgelegt. Damit habe ich schon begonnen, zwei
Jahre bevor Zwingli in Zürich die Bibelschule eröffnet hat. Und im Laufe
meiner sechsjährigen Kappelertätigkeit habe ich 21 neutestamentliche Schriften
behandelt. Boller:
Das hat sich höchstwahrscheinlich ausgewirkt. Bullinger:
Natürlich gab es vielerlei Hindernisse, und es war nicht ungefährlich so zu
wirken. Boller:
Dann können Sie uns bestimmt noch etwas sagen über die spirituelle
Erneuerung im 21. Jahrhundert? Bullinger:
Gewiss, aber was Sie etwas modisch als Spiritualität bezeichnen hiess zu meiner
Zeit ganz einfach «Frömmigkeit» oder «Heiligung». Darunter verstehe ich die
Fusion von Rechtfertigung aus dem Glauben und entsprechendem Handeln, das aber
nicht eigenes Machwerk ist, sondern auf einer göttlichen Infusion beruht. Boller:
Das tönt zwar modern, aber reichlich abstrakt. Denken Sie denn, dass
die menschliche Leistung in der heutigen Zeit überschätzt wird? Bullinger:
Überschätzt und überbetont! Das Ausruhen soll und muss nämlich erlaubt und
ermöglicht werden. Denn ohne auszuruhen kann nichts auf die Dauer bestehen,
sondern es zerschleisst und zerfällt. Boller: Heinrich Bullinger, ich danke für das Gespräch und hoffe, dass ich Sie nicht in der wohlverdienten Ruhe gestört habe. Aber ich glaube, dass Ihr Denken und Tun auch in der heutigen Zeit höchst aktuell ist.
Gedanken zum Reformationssonntag"Nüt ist köstlicher dann d'Lieby". |