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Geschichten zu Karfreitag und Ostern

Flora und die Sonnenblumen

Werner Schneebeli, März 2008

In einem alten kleinen Haus noch ganz aus Holz gebaut, lebte eine ebenso alte Frau. Alle kannten sie als Flora, die Sonnenblumenfrau. Ihre Haut war voller Runzeln und das Leben hatte seine Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Auch das alte Haus war gezeichnet von Sonne, Wind und Wetter. Nur die ältesten Einwohner des Dorfes konnten sich daran erinnern, dass auch Flora einst eine junge Frau war. Ihr Sonnenblumenhaus gehörte zum Dorfbild wie die alte Kirche, beide schienen dem Vordringen der modernen Welt zu trotzen. Flora pflanzte Jahr für Jahr im kleinen Garten rund um ihr Häuschen Sonnenblumen. Jeden Sommer begeisterte die Blütenpracht Spaziergänger und Passanten von neuem. Nur den Stadtplanern und Bauherren war das Häuschen ein Dorn im Auge, es behinderte die bauliche Entwicklung des Dorfes und verunmöglichte die Erschliessung eines neuen Wohnquartiers.

Florian feierte gerade seinen fünften Geburtstag, als er bald darauf in den ersten Kindergarten eintreten durfte. Zwischen seinem Zuhause und dem Kindergarten liegt das Sonnenblumenhaus. Diesen Fussweg kann Florian schon ohne Begleitung der Eltern alleine gehen.

An einem klaren Sommermorgen entdeckte Florian zum ersten Mal das Häuschen von Flora und an diesem Morgen kam er zu späht in den Kindergarten. Mit offenem Mund bestaunte er die vielen grossen blühenden Sonnenblumen. Eine alte Frau, es war Flora, weckte ihn aus seinen Träumen:

„Hallo, guten Morgen, musst du nicht in den Kindergarten gehen?“

„Oh, ja. Sind das deine Blumen?“ fragte Florian.

„Es ist mein Garten. Aber die Blumen blühen für alle, die sie sehen wollen. Wie heisst du?

„Florian“, gab er zur Antwort und fügte hinzu, „dann musst du sehr reich sein“.

Flora freut sich, dass Florian fast denselben Namen hatte wie sie und Florian fand das irgendwie lustig, dass diese alte Frau Flora hiess.

Von diesem Tag an machte Florian jeden Tag auf dem Hin- und Rückweg in und von dem Kindergarten einen Halt beim Sonnenblumenhaus. Flora öffnete jeweils ein Fenster, wenn sie nicht im Garten bei ihren Sonnenblumen war, und die beiden wünschten sich fröhlich einen guten Tag.

Im Herbst wurden die Blätter der Sonnenblumen braun und welk. Die Blühten bestanden fast nur noch aus dem inneren Teil, der sich voll von Kernen nicht mehr dem Himmel sondern der Erde zuwandte. An einem Morgen blickte Florian voller Entsetzen in den kahlen Garten. Alle Sonnenblumen waren abgeschnitten. Und er wunderte sich, dass Flora wie immer ein Fester öffnete und ihm mit ihrem runzligen und fröhlichen Gesicht entgegenlachte. Als ob nichts geschehen wäre, wünschte sie ihm winkend und strahlend wie eine blühende Sonnenblume einen schönen Tag. Und das blieb so über die ganze kalte Jahreszeit hinweg.

Nach dem Winter, als die Frühlingssonne die kahlen Wälder und Gärten mit neuem frischem Grün und strahlenden Blühten zu füllen begann, sah Florian Flora öfters im Garten. Wie sich die mit Kernen gefüllte Sonnenblume der Erde zuwendet, wandte sich ihr Gesicht durch den leicht gebeugten Rücken dem Boden zu und sie konnte sich nur noch mühsam bis ganz zur Erde hin bücken. Florian half ihr daher an seinen freien Nachmittagen im Garten aus und zusammen setzten sie viele Sonnenblumenkerne um das ganze Haus herum. Im Dunkeln, verborgen im Innern der Erde, gaben viele der Sonnenblumensamen ihr Dasein als Kern auf und eine neue Pflanze sprengte die Schale auf. Die neuen Pflanzen verwurzelten sich und liessen ihren frischen grünen Trieb nach Oben durch die Erde dringen und dem Himmel entgegen wachsen. Im Sommer war die ganze Pracht der blühenden Sonnenblumen um das Haus von Flora wieder da.

So vergingen die Jahre. Florian wurde Älter und ging zur Schule und auch an Flora ging die Zeit nicht spurlos vorüber. An einem regnerischen Morgen blieben alle Fenster des Sonnenblumenhauses geschlossen. Florian machte sich sorgen. Zuhause erzählte ihm seine Mutter, dass Flora in der vergangenen Nacht lebenssatt und zufrieden gestorben sei. Florian durfte an der Beerdigung einige Sonnenblumenkerne seiner Freundin Flora mit ins Grab geben.

Nur, aus diesen Kernen wurde nie eine Sonnenblume. Der Friedhofgärtner musste sie alle schon vor der Blühte abschneiden, weil sie für die Gräber zu hoch wachsen würden. Da gab es strenge Regeln auf dem Friedhof.

Mit dem Tod von Flora stand auch dem neuen Bauvorhaben nichts mehr im Weg. Das Sonnenblumenhaus wurde abgebrochen und der Fussweg zum Schulhaus von Florian wurde zu einer Zufahrtsstrasse ausgebaut. Dort, wo früher das Sonnenblumenhaus stand, fuhren jetzt Autos und Lastwagen über den Asphalt.

Dennoch warf Florian auf seinem Schulweg jedesmal einen Blick auf die Strasse, an der Stelle, wo ihm früher Flora entgegenwinkte. In der Schule bereitete er einen Vortrag zu Sonnenblumen vor. Im dritten Jahr, nach dem Tod von Flora, entdeckte Florian in der Mitte der Strasse einen Riss und in der warmen Frühlingssonne blinzelte ein kleines grünes Pflänzchen aus dem Riss im Asphalt. Florian wusste nur zu gut, wie die frischen Triebe der Sonnenblume aussahen. Eine Sonnenblume von Flora wollte mitten auf der Strasse dem Himmel entgegenwachsen.

Florian erzählt im Vortrag in der Schule von seiner Entdeckung. Der Lehrer packte die Gelegenheit beim Schopf und holte sich eine Bewilligung beim Dorfpolizist. Die Kinder seiner Klasse gestalteten Verkehrstafeln mit der Aufschrift: „Haltet Sorge zur Natur“ und „Vorsicht – Schulweg“. Mit diesen Tafeln wurde die Sonnenblume mitten auf der Strasse geschützt und so blühte noch einmal an der alten Stelle, wo früher Floras Garten war, eine Sonnenblume von auf.

Für Florian war die Sonneblume aber viel mehr als eine Warnung an die Autofahrer. Er wusste, sie ist ein Gruss von Flora aus dem Himmel. Und alle guten Erinnerungen wurden in seinem Innern lebendig.  Im Herbst nahm er dieser Sonnenblume eine Blühte voll von Kernen, um diese im nächsten Jahr im Garten seiner Eltern zu pflanzen. Von diesen Sonnenblumen behielt er wieder einige Samen, um sie im folgenden Jahr zu pflanzen. Und bis heute hat Florian nicht aufgehört, Jahr für Jahr Floras Sonnenblumen zum Blühen zu bringen. Heute ist er selbst schon nicht mehr der jüngste. Heute gehen seine eigenen Kinder in die Schule. Seine jüngste Tochter, Flora, ist im Kindergarten. Und jeden Sommer, wenn die Sonnenblumen blühen, wecken sie in ihm diese erste belebende Freude, welche er damals im Kindergarten erlebte, als er Flora und ihre Sonnenblumen zum ersten Mal bestaunte. Und wer ihn in diesen Tagen genau betrachtet, entdeckt ein ansteckendes Strahlen in seinem Gesicht. Ein Strahlen das auch in das verrunzelte Gesicht von Flora gezeichnet war. Ich glaube, dieses Strahlen birgt das österliche Geheimnis in sich.

Weisheitsgeschichten

Sie legten ihr Ohr an sein Herz

Rabbinische Weisheiten

Es war einmal ein weiser Rabbi. Zu ihm kamen viele Menschen, um ihn um Rat zu fragen. Allen machte er Mut, stärkte und segnete sie.

Eines Tages geschah es, dass er nicht mehr sprechen konnte. Dennoch kamen die Leute weiter zu ihm. Nun hörte er den Menschen einfach zu. Sie vertrauten ihm ihre Sorgen und Nöte an. Der Rabbi schenke ihnen sein Ohr und segnete sie.

Eines Tages geschah es, dass seine Ohren taub wurden. Aber auch das hinderte die Menschen nicht, zu ihm zu kommen. Was konnte der Rabbi nun noch für sie tun?

Er sah die Menschen mit seinem gütigen Blick an und segnete sie.

Eines Tages geschah es, dass seine Augen blind wurden. Die Menschen kamen aber weiterhin und sie kamen sogar immer mehr. Stumm, taub, blind war er nun. Aber er segnete sie.

Eines Tages konnte er auch nicht mehr segnen. Trotzdem kamen die Leute unaufhörlich.

Was er wohl noch hatte? Sie kamen und legten ihr Ohr an sein Herz.

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