Ideenbörse, Buchtip
Ueli Mauch
31.
Oktober 2001
Wie macht's der Meister
Höret zu: Siehe,
der Säemann ging aus um zu säen. Und es begab sich, indem er säte, da fiel
etliches auf den Weg, und die Vögel kamen und frassen es auf. Anderes fiel
auf den felsigen Boden, wo es nicht viel Erde fand, und es ging sogleich auf,
weil es nicht tiefe Erde fand; und als die Sonne aufging, wurde es verbrannt,
und weil es nicht Wurzel hatte, verdorrte es. Anderes fiel unter die Dornen,
und die Dornen wuchsen auf und erstickten es, und es brachte keine Frucht.
Noch anderes fiel auf den guten Boden und brachte Frucht, indem es aufging und
wuchs; und eins trug dreissigfältig und eins sechzigfältig und eins hundertfältig.
Und er sprach: Wer Ohren hat, zu hören, der höre. Mk.4/3-9
- Da lese ich
eine Geschichte aus dem Alltag, die ich verstehe. Aber mitten drin hört sie
auf und lässt mich im Schilf stehen. Gewollt, denn der Meister möchte ja,
dass ich mir zu Gott Gedanken mache. Jetzt muss ich wohl oder übel auf
eigenen Füssen nach Hause gehen – und muss mich daher mit Gott
auseinandersetzen.
- Da wird mir
eine Geschichte erzählt, die so banal ist, dass sie doch gar nichts mit Gott
zu tun haben kann. Aus Wut setze ich mich mit dem Inhalt der Story auseinander
reibe mich daran – und finde zu dieser Alltäglichkeit – wenn ich meinen
Frieden mit Gott wieder haben will.
- Und da habe ich
eine Geschichte ohne Abschluss. Wenn der nicht da ist, müsste ich ihn doch
erraten können, denn der Meister tut doch nichts für die Füchse.- Und schon
läuft meine Phantasie – wie die der Gemeinde, deren Auslegung im Anhang der
Geschichte zu lesen ist.
Jesus und Markus
haben drei Kunstgriffe angewendet, welche die chinesische Listkunst wie folgt
griffig gemacht hat:
Freiwillig bin
ich ins Schiff gestiegen – und habe mich verfrachten lassen – Den Kaiser
überlisten und übers Meer fahren. Nun bin ich sauer, weil mich der Text
greift – Aufs Gras schlagen um die Schlange aufzuscheuchen. Und nun kann ich
gar nicht anders als des Rätsels Lösung zu suchen – Einen Backstein
hinwerfen um einen Jadestein ans Land zu ziehen.
Diese
Handlungsstrukturen sind übersichtlicher greifbar im neuen Buch von Harro von
Senger (Die Kunst der List), nützlich für alle, de gerne so schreiben, dass
die Sache auch ankommt.
UM
Ideenbörse,
Buchtipp:
Ueli Mauch
31.10.01
Jared Diamond: Arm und Reich
Diamond versucht Geschichte als Naturwissenschaft zu
betreiben. Wesentlich neu dabei ist der eingesetzte Zeithorizont. Mit einem
Zeitfenster von 6 Millionene, 100`000 oder 10`000 jahren (Agrarische Revolution)
erscheinen ganz andere Zusammenhänge. Sogelingt ihm auch eine Antwort auf die
Frage: „Warum sind 1492 die Spanier nach Amerika zur Eroberung gekommen und
nicht die Inkas nach Europa?“ Ebenso spannend sind seine Antworten gegen
Rassismus. Mich hat nach der Lektüre bewegt, inwiefern nicht die Sündenfallsgeschichte
auf dem Hintergrund der Agrarrevolution zu verstehen sei und insofern ganz neue
Dimensionen erhält. Ist die biblische Tradition ein Versuch, das dadurch ausgelöste
Verhängnis aushaltbar zu machen?
Weiterer Titel von J.Diamond: „Der dritte Schimpanse“
(Ebenfalls TB-Ausgabe)
Ideenbörse, Buchtipp
Ueli Mauch
16.11.01
Die Religion der ersten Christen
von Gerd Theissen, erhältlich als Paperback
Zunächst kam mir das Buch etwas geschraubt vor. Dann aber faszinierte es
mich. Gerd Theissen versucht das "von aussen" zu leisten, was vorher
verschiedene unter dem Titel "Theologie des NT" von innen zu fassen
versuchten. Er fragt ganz einfach: "Wie funktioniert der Neuentwurf der
ersten Christen". Unter den drei Aspekten Mythos, Ritus und Ethos zeigt er
das innere Funktionieren, hauptsächlich aber auch die Neuansätze des
Urchristentums auf. Das ist besonders wohltuend, da er nichts zu verteidigen
hat, sondern die Entwicklung/Emanzipation des Christentums aus dem Judentum zu
einer neuen "Glaubenskathedrale" griffig darstellt. In der Folge
dieses Ansatzes werde ich versuchen, im zweiten Halbjahr 2002 eine lection
continua des JohEv zu versuchen. Die angefangene Linie Judentum-Theologie des
Johannes in meine Zeit weiterzuziehen und so die denkerischen Errungenschaften
der Aufklärung fruchtbar umzusetzen könnte es bringen, dass sich die Antithese
Vernunft<= Glaube auflöst, wir nicht mehr gequält Klippen der
altertümlichen Semiotik des NT mit Nebel vertuschen, sondern in freier
Anwendung von Homologie und Analogie wieder religiös
reden können.
Ideenbörse, Weihnachtsgeschichten Buchtipp
von Ueli Mauch
4. Dezember 2001
Die schönsten Legenden
Aus Selma
Lagerlöf "Die schönsten Legenden" dtv 1690 habe ich im Advent
schon "Die Legende vom Vogelnest" gebraucht, an Christnacht "Die
Legende von der Christrose".
Dieses Jahr,
unter dem Eindruck all der schwierigen Ereignisse bis hin zu den jüngsten
Blutbädern in Israel und Palästina, werde ich aus S.L.
"Christuslegenden" Ulstein 24077 "Das Rotkehlchen"
erzählen. Die Geschichten sind rührend, manchmal etwas zu rührend. Aber
wenn ich sie zu erzählen lerne, kann ich sie mir so weit anpassen, dass eine
Verbindung zwischen Ergreifen und Echt möglich ist.